Mittwoch, 30. Dezember 2009















Spazierengehen mit dem Hund, in den "besseren" (copyright Don Alphonso) Bezirk, damit er frei und ohne Maulkorb laufen kann. Es ist ruhig dort, beinahe verlassen, die besseren Leute
sind verreist, aber auf dem Spielplatz dort leider auch schon der übliche Mist, uralte Obstbäume, die verdreht gewachsen sind, sogar ein Rehbock muß einmal da gewesen sein, Kirschlorbeer, dem es bei uns eigentlich zu kalt ist, der erste weggeworfene Christbaum und zurück im eigenen Bezirk, mit türkischem Juwelier und türkischem Bäcker, wo ich duftendes gewürztes Brot kaufe, und dann in die Wohnung; die kaputte Dusche ist wenigstens als Garderobe für meine Aldi-Jacken verwendbar.

Dienstag, 29. Dezember 2009




Endlich, endlich hab ich gefunden was mir ein Beginnen mit der Eurythmie ermöglicht!
Eine wunderschöne site von Dmitri M. Vinogradov (der mehrere Eurythmie-blogs macht)

Bei den Egoisten ist vom Opus Dei die Rede. In dieser wunderschönen kleinen Barockkirche (durchklicken der Bilder lohnt sich!) ist das Opus Dei "zu Hause". Gegenüber ist ein altes, sehr schön renoviertes Haus das dem Opus Dei gehört.
Gehört hatten wir davon schon in der Schule, ein, zwei Tanzstundenfreunde hatten dahin Kontakt, einer blieb dabei, arbeite aber trotzdem in der großen elterlichen Firma weiter. Das Opus Dei ist hard core Katholizismus für Bürgerkinder, wir entschieden uns für die Studentenbewegung und die Linke und kümmerten uns nicht weiter darum.
Viele Jahre später traf ich beruflich auf jemanden, der mir zunächst sehr unsympathisch war, und dann doch sehr sehr sympathisch, denn uns verband Ähnlichkeit der Herkunft und der Familiengeschichte, wenngleich seine Familie eine wirklich große und bedeutende gewesen war und meine nicht. Er hatte sein ganzes Leben in einer konservativen Umgebung verbracht und hatte phantastische Vorstellungen vom Leben der Linken. So wie eben die Linken auch phantastische Vorstellungen vom Leben konservativer Katholiken haben: man weiß kaum voneinander, dämonisiert aber den anderen kräftig. Die Freundschaft mißlang, Berufskollegen munkelten, kein Wunder, der habe doch mit dem Opus Dei zu tun. Das nun interessierte mich und ich setzte mich eine Woche in die Nationalbibliothek (noch kein www, nein) und ließ mir alles Vorhandene über Escriva und den Opus ausheben und las es. In der katholischen Kirche gibt es eine Menge unterschiedlicher, konkurrierender und einander verabscheuender Gruppen, diese Breite unter einem Dach zuzulassen gehört zum Erfolg der Kirche.


In der Wiener Innenstadt sind viele alteingesessene Geschäfte verschwunden, die Mieten sind viel zu hoch, nur global agierende Firmen wie Cartier, Vuitton, H & M etc können sich das leisten. Aber ebenso verschwunden ist kompetentes, älteres deutschsprachiges Verkaufspersonal. Das kann dazu führen, daß man als Kunde nicht richtig "gelesen" und eingeschätzt werden kann und daß Statussymbole noch wichtiger werden als sie es ohnehin schon sind. Vor Weihnachten war ich mit einer Freundin für ihre Enkel einkaufen. Ihre Tochter hatte mich darum gebeten und wir gingen zu einem Geschäft in dem ich seit 35 Jahren einkaufe und das nun nur noch migrantische Verkäuferinnen mit sehr geringen Deutschkenntnissen beschäftigt. Wie billig müssen die, angesichts der ohnehin miserablen Löhne im Handel, arbeiten ? Wir gingen in die Kinderabteilung und ich suchte ein paar Sachen, von denen ich wußte, die Enkel würden sie mögen, heraus und brachte sie der Freundin, die inzwischen telefonieren mußte. Da kam eine junge Verkäuferin und beschuldigte uns in sehr schlechtem Deutsch des Ladendiebstahls. Wir sahen sie entgeistert an: wir? Ja wir, denn wir sahen relativ ärmlich aus. Ich sowieso, mit Anorak, Rucksack und schmutzigen Bergschuhen,
und die Freundin (die einen sehr guten Job hat und gut verdient, aber einen öko-fundi-look pflegt, weswegen die Tochter mich auch gebeten hatte mit ihr einkaufen zu gehen, weil die Enkel keine gewalkten Mützen mehr, sondern hoodies und Einkaufsgutscheine für den nachweihnachtlichen Ausverkauf wünschten) auch. Wir sahen die Verkäuferin an: Ostblock, knapp zwanzig, offensiv sexy, 15 Stunden geringfügig angestellt, dadurch sozialversichert, restliche Zeit beim escort service. Wir versuchten freundlich mit ihr zu reden, aber sie beharrte, da ihre Deutschkenntnisse einfach zu schlecht waren um uns an der Rede und Ausdrucksweise sozial einordnen zu können, für sie waren wir zwei schlecht angezogene Frauen mit - im Gegensatz zu ihr selbst - kein bißchen Goldschmuck am Leib, die in ihrem Geschäft (kein Luxusladen!) nichts kaufen sondern nur stehlen könnten.




Gestern war der "Tag der unschuldigen Kinder" zum Gedächtnis an den bethlehemitischen Kindermord, den Herodes angeordnet hatte. In den österreichischen alpinen Gebieten gingen die Kinder mit Reisigbündeln von Haus zu Haus, durften die Erwachsenen mit der Rute ein bißchen hauen und "frisch und G´sund" wünschen. Dafür bekamen sie Süßigkeiten.
Danke an AOEA, die Breughels Bild (in Wien!) dazu kannte!

C.ist Prada-Fan. Sie verwendet das pudrige Chypreparfum von Prada, trägt Prada-Schuhe und Prada- Taschen und nicht nur die bodybags aus der billigeren Sport-Linie. Die schwarzen Nylon-City-Rucksäcke von Prada -Sport und die sneaker mit der hellen Gummisohle und dem roten Streifen, die schwarzen Jacken, Mäntel, Hosen und Hemden, dieses städtische ranger outfit für IT - und Werbemenschen sind zwar schon ein bißchen veraltet, 00er Jahre eben, aber noch erhältlich. C. trägt bunte und verspielte Prada-Taschen, Blusen mit Tapetenmuster und ebensolche Strümpfe. Alles aus dem Ausverkauf, sagt sie, wirklich viel billiger als das konservative Windsor-Zeug von Dantendorfer, das sonst in Anwaltskanzleien bevorzugr wird. Manche Sachen allerdings, sind bei Prada doch zu teuer. Ein eleganter bestickter Mantel etwa, um ca.5000,- €, den sie immer noch im Gedächtnis hat und der wem anderen offenbar nicht zu teuer war, denn beim Ausverkauf, zu dem C. pre-sales-invitations kriegt zu denen sie immer sofort hingeht, schließlich ist die Kanzlei ums Eck, war er nicht mehr zu sehen. Wir schauen ins teure 2nd hand ein paar Straßen weiter und da ist der Mantel! Er paßt C. und C. braucht etwas für eine fashionable Hochzeit und zur Promotion der Nichte kann sie ihn auch anziehen und außerdem ist dieser wunderbare Mantel so besonders, daß er immer ein Kunstwerk und nie einfach nur passe sein wird. Eer kostet keine 5000,- mehr, aber immer noch soviel wie Alleinerzieherinnen mitsamt dem Kindergeld fürs Monat haben. C. ist Notarstochter und nicht eben unverwöhnt. Notare, Apotheker und Rauchfangkehrer haben in Österreich Gebietsschutz, das heißt: einen sicheren Markt, billige Angestellte und besonders hohe Einkommen. Aber C. ist auch angelinkst, kennt aus Scheidungsverfahren die Beträge mit denen Alleinerzieherinnen über die Runden kommen müssen und muß dementsprechend noch ein paar Skrupel befrieden. Das dauert, sie zieht den Mantel aus und nochmal an und geht nochmal zum großen Spiegel, da kommen drei Frauen herein,
eine erkennt offenbar ihren Prada-Mantel und redet auf C. ein. Russisch. Sie hat, wie die zwei anderen auch, den Arm voller Kleider, die sie zum Verkaufen ins Geschäft bringt. Eine von den dreien ist eine Schwarze und hochschwanger. Wir schauen
auf die Plateauschuhe der drei, C. zieht den Mantel aus und wir sagen was von noch ein bißchen weiterschauen und gehen. Seither ist C. kein Prada - Fan mehr. Ihr Prada-Zeugs hat die frisch promovierte Nichte geerbt.

Sonntag, 27. Dezember 2009




Ganz zufällig entdeckte ich im "Birkenkinder in Sibirien"- blog einen link zu einer Reihe von Publikationen über die russischen Dekabristen.
Die Bedeutung der Dekabristen für die russische Literatur des 19. Jahrhunderts, und das ist diejenige die im Westen bekannt ist, und für die politische Ideengeschichte Russlands kann gar nicht überschätzt werden. Das ist die russische Seele die Steiner meinte.
Es lohnt sich, auch die kleinen Biographien der Einzelnen im Teil "Alphabet" anzusehen. Unter ihnen hab ich einen vermutlichen Vorfahren des verstorbenen Grazer anthroposophischen Kinderarztes Baron Tiesenhausen gefunden.

"Baron Wilhelm-Siegismund von Tiesenhausen, Oberst (1779/80 - 1857)
Nach der Ansiedlung in Jalutorowsk baute T. ein großes Holzhaus, um es zu vermieten, doch brannte es nach Fertigstellung ab. Einige behaupteten, ein Arbeiter hätte dies aus Bosheit getan. Auch die beiden Folgeversuche brachten ihm ausser Arbeit und verkohlten Stämmen nichts ein. So begnügte er sich mit einer Hütte, züchtete Beeren und genoss nach 28 Jahren der Abwesenheit den Moment des Wiedersehens mit seiner Familie, die all die Jahre auf ihn gewartet hat und erwirkte, dass er schon (!) 1853 amnestiert wurde." zit. nach Vincey, Bilder auch aus dem Alphabet nach Vincey



Mit diesen Barbarazweigen, die am 23.12. als ich sie bei einer Weihnachtsfeier fotographierte, bereits zu blühen begannen, verabschiede ich mich wieder von den Barbaras und allen anderen lieben Lesern.


Michel Gastkemper hat auf seinem blog einen Text von Mignon van Bokhoven zu den Rauhnächten und im weiteren einen link zum Lied von Olaf Astesons Traum gepostet. Auch die Geschichte mit den zwei Jesusknaben erzählt er dort.
Die Geschichte Teil 5.3 auf Terra Canaillo ist vielleicht eine Version von Astesons Traum? Weitere, kaum bekannte, Bilder von Caspar David Friedrich hier.




In den Rauhnächten laufen in den Alpen die Perchten. Perchten sind wilde, abstoßende Holzmasken, die mit Gehörn und zotteligem Pelz kombiniert werden. Die Perchten, Diener der Frau Percht, treiben den Winter aus, dürfen jedes Haus betreten und sich darin umsehen. Im Salzkammergut gibt es aber auch die Schönperchten, die aufwendigen bunten Kopfputz, Glöckchen und mit vielen Knöpfen benähte bunte Gewänder tragen. Nach der Gegenreformation von der katholischen Kirche als heidnisches Brauchtum streng verboten und verfolgt, sind die Perchtenläufe mittlerweile Touristenattraktion geowrden. Ihre ursprüngliche Bedeutung und die eigentlichen Wurzeln sind ungeklärt. Ähnliche Masken und Rituale zum Winterausgang gibt es aber auch in Nepal und auf Terra Canaillo wird in der Geschichte Teil 5.2 zu Beginn die Wilde Jagd geschildert.

Samstag, 26. Dezember 2009




Es war mir nicht gelungen noch eins der 8oer Jahre Fotos mit Madonna und dem blasphemisch zum show - outfit getragenen Kreuz zu googeln; jedenfalls mit Madonna beganns und fand dann brillantbesetzt zu den Innenstadtjuwelieren und den trophy wives (die hier ist schon wieder zu haben, denn ihr Mann der verkündete "14% Rendite, das nenn ich sexy" hat sie durch eine jüngere ersetzt, die auch gleich die Wohnsitze mit neuer Kunst ausstattete)


Syberberg zeigt in seinem Tagebuch das Alterswerk einer Malerin, die (ich glaube nach Schlaganfällen) nur noch ihre linke Hand bewegen kann, von ihren Betreuern schlecht behandelt und hintergangen wurde, die Zeichnungen wurden ihr weggenommen, und nur durch das Engagement der Syberbergs und anderer durch sie mobilisierter Freunde war es möglich diese "Betreuer" loszuwerden, die Lebensumstände dieser hilflosen Frau zu verbessern und ihre Zeichungen zu retten.
http://www.syberberg.de/Syberberg4_2009/24_Dezember%20-M-%20Krieger.html
http://www.syberberg.de/Syberberg4_2009/25_Dezember.html
http://www.syberberg.de/Syberberg4_2009/26_Dezember.html
http://www.syberberg.de/Syberberg4_2009/27_Dezember.html

Freitag, 25. Dezember 2009



Das Stillen wurde ja erst in den 7oern wiederentdeckt; noch in den 60ern war Stillen eher unüblich. Jetzt ist Stillen ein Muß und es gibt Psychologinnen, die sich darauf spezialisiert haben, Mütter die schwer oder nicht stillen können und die darunter leiden unter dem aktuellen Idealbild zurückzubleiben zu betreuen. Auch über das Wickeln bzw. fest einwickeln oder fatschen (der letzte Rest davon ist noch im Steckkissen erhalten) gab es große Auseinandersetzungen, in den USA ist es wieder im Kommen.






Jetzt sieht man die Vogelnester; es sind nur wenige, leider. Das Apportel bleibt an einem Zweig hängen, das passiert mir immer wieder, manchmal kann ich es mit einem zweiten Apportel herunterschießen, im Sommer holte ich es mit den Krücken herunter.



Donnerstag, 24. Dezember 2009



Vlas vile, vlas vile, das Haar der Fee. Die eine der tanzenden Frauen, die gar keine Türkin, sondern aus Aserbeidschan war, hatte ihr schönes grau und schwarz gemischtes Haar gezeigt und ich hatte sie gefragt ob ich ihren langen Zopf fotographieren dürfe. Nein, ein fremder Mann könnte das Bild sehen, meinte sie lächelnd. Vlas vile, vlas vile, das Haar der Fee. Ich kann nicht schlafen und ich kann die bosnische Sage von den Feen mit den langen Haaren nicht mehr richtig erinnern und ich habe das Heft von Lettre nicht mehr ,in dem der Aufsatz des serbischen Byzantinisten über diese Sage abgedruckt war. Ich kann nicht schlafen, weil ich eins nicht erinnern und andres nicht vergessen kann. Die bosnische Frau in meiner Gruppe hatte von jenem Moment erzählt, von dem an es kein Bleiben mehr gab. Sie hatte in einer ethnisch gemischten Gemeinde gelebt, kleine Nebenerwerbsbauern, die Häuser in größeren Abständen, getrennt durch Gärten und Felder für den Eigenbedarf. Ständig hatte man von Kämpfen und Gräueln gehört; sie lebte in einer gemischten Ehe, hatte netten Kontakt zu allen Nachbarn, sie konnte sich nicht vorstellen daß es auch in ihrem Ort geschehen könnte. Sie fragte die serbische Nachbarin vorsichtig, nene, alles sei in Ordnung, wie immer. Am frühen Morgen, noch bevor es heiß wird, wollte sie auf ihrem Feld arbeiten, ging hinters Haus, durch ihren Garten und fand im Feld ihren Cousin mit durchschnittener Kehle. Ihr war klar, daß sie die Kinder daran hindern mußte den Leichnam zu sehen, daß sie ihn - irgendwie - begraben und daß sie dann sofort das Wichtigste packen und mit den Kindern weggehen mußte.
Man muß kein Lama sein, um zu wissen daß solche Geschichten sich durch die Generationen ziehen. Ich will gar nicht das individuelle Erinnern erörtern, es geht um die Politiken des Erinnerns und des Vergessens. Das verordnete Vergessen (für ein patriotisches Lied kamen die Leute in Yugoslawien auf eine Gefängnisinsel) und das
Aufhetzen mit mythischen Erinnerungen (die Schlacht am Amselfeld, verloren von Leuten die genetisch gar nicht mit denjenigen verwandt waren die sich nun aufhetzen ließen). Da die EU mit ihren Versuchen Recht zu implementieren gescheitert ist, gibt sie auf; es geht um einen legistisch geeinten Wirtschaftsraum, nicht um moralische Sanktionen, alles wird vergessen und außer den Opfern und ein paar Historikern will niemand mehr wissen was geschah.


Irgendwo verpackt gibt es einen geschnitzten Stern mit einem Jesuskind in der Mitte, das Geschenk des Freundes, der mir heuer dieses kleine Kreuz aus Bethlehem geschenkt hat. Mein erstes Kreuz, denn meine Mutter erachtete Kreuze als nicht "kindgerecht" und verräumte alle, und in gewisser Weise bin ich noch immer Mutters Kind und hätte es ebenso wie sie geschmacklos gefunden mir etwa ein Schmuckstück in Kreuzform umzuhängen (mit oder ohne Korpus). Kreuze sind für den Klerus und für Ordensleute, nicht für Kinder und nicht fürs Decolletee. Draußen ist weniger Verkehr, aber im Park gegenüber gehn die Böller ab; auch der Aldi führt sie und die türkischen Buben, die zu festlichen Anlässen, vorige Woche war das islamische Neujahrsfest, eher Geldgeschenke als Spielsachen bekommen, kaufen sie. Das Kreuz aus Olivenholz muß ich vorm Hund in Sicherheit bringen, den es offenbar an ein Apportierholz erinnert und sehr interessiert.

Mittwoch, 23. Dezember 2009




Heute sind wir zu viert, wir improvisieren eine kleine Jause, reden übers Kinderkriegen, daß man früher gar nicht "schwanger" sondern "in der Hoffnung" sagte,
daß uns die nackten Bäuche die jetzt so modern geworden sind immer noch ein wenig erschrecken und daß der Storch international bekannt ist. Und dann kommt die Geschichte von einem kleinen Emir oder Rafet, die immer kommt: wie er sich vor der Mama aufbaut und sagt, ich weiß woher die Kinder kommen, die Lehrerin hat uns in der Schule ein Buch mit Bildern gezeigt.
Dann singen und tanzen die Drei eine traurige Ballade aus Aserbeidschan, von Zweien die so jung und schön sind und sich nicht kriegen dürfen. Um verbotene Liebe handeln die meisten dieser Lieder; am Balkan gibt es auch den tragischen Irrtum, den sinnlosen Mord aus Eifersucht, obwohl die Frau schuldlos war, die Gäste essen und trinken, der Guslar singt und manche Zuhörer weinen.
Sie sind so lieb, reichen einem jeden Bissen mit Anmut. Man bekommt nicht einfach eine Mandarine, sondern Mandarinenspalten, in der Mandarinenschale angeordnet.

Dienstag, 22. Dezember 2009



Ich bitte die Frau um ihre Sozialversicherungsnummer und wundere mich daß sie erst Ende vierzig ist, sie sieht viel älter aus, ihre Stimme ist rauh, tief und laut und sie spricht ihre Muttersprache in einem wilden Dialekt. Sie ist allein in Wien, die ganze Verwandtschaft ist nach Australien migriert, sie sind aus der Gegend von Bijelina vertrieben worden und sie wollen nicht mehr zurück. Vielleicht ist ihnen unter der Verwaltung des Hochkommissars für Bosnien ein Haus im Tausch angeboten worden, ich habe sie nicht danach gefragt. Ich verstehe diejenigen die nicht mehr zurück wollen besser als diejenigen die glauben mit Häusertausch in ethnisch bereinigten Gebieten sei etwas bereinigt. Während Bijelina ausgehungert wurde wußte sie nicht wo ihre Kinder waren, versuchte alles um sie zu finden, innerhalb von Wochen wurden ihre Haare ganz weiß. Jetzt hat sie eine kleine Gemeindewohnung, sie hat als Putzfrau bei einer Kosmetikfirma gearbeitet und von den Frauen im Büro immer Gratispackungen der Cremes und Shampoos geschenkt bekommen. Ihre Mutter, die sehr hübsch war, hat sich nach dem Melken das Gesicht immer mit ein bißchen Milch gewaschen. So vergehen unsere ersten gemeinsamen Stunden, es geht nicht um Dativ oder Akkusativ, sondern um die Aktivierung des guten Mutterintrojektes, und um etre bien dans sa peau.

Ich habe zugleich mit meiner eigenen Mutter ein Kind geboren, weißt du, sagt sie und schaut mich mit ihren schönen runden Augen an. Ich war nur zwei Jahre in der Schule, habe immer meiner Mutter mit den kleinen Geschwistern helfen müssen, mit 14 hab ich geheiratet und mit 16 mein erstes Kind bekommen, weißt du. Sie ist ein Jahr jünger als ich und schon ganz im Großmutter-Habitus, füllig und eben wie eine ländliche türkische Oma angezogen. Aber sie ist behend, flink und selbstbewußt, mit viel Temperament und Humor. Sie vermißt das Schwimmen im Meer und macht die verschiedensten Schwimmbewegungen unglaublich gut vor, wie ein gelernter Pantomime: Brustschwimmen, Rückenschwimmen, sich aalen, tauchen. Der Ehemann ist über 60 und bekommt natürlich keine Arbeit mehr, sie wirtschaftet mit ganz wenig Geld, in der Pause läuft sie zum Aldi und kauft fast abgelaufene verbilligte Yoghurts, denn die Enkelkinder schauen immer im Eischrank ob Oma was Gutes für sie hat, und eine richtige Oma hat was Gutes für sie. Wir reden über die verschiedensten Wehwehchen die unser Alter eben so mit sich bringt und tauschen Tips aus, sie nimmt einen Faden aus der Tasche den sie gespannt über ihr Gesicht führt: die traditionelle Art des peeling. Sie hat wirklich eine schöne Haut und die erhält sie sich mit Joghurt-Masken. Gurkenscheiben sind gut und ein Eigelb, das man antrocknen läßt und dann abrubbelt ist auch ein tolles peeling. Mit etwas Bicarbonat auf dem Finger kann man sich die Zähne schön weiß putzen, Olivenöl ist gut für Haare und Hände. Weil wir heute nur Frauen im Raum sind nimmet sie ihr Kopftuch ab, sie hat wunderschöne dichte graugesträhnte Haare und ist überhaupt viel viel hübscher als die Frauen bei uns, die sich mit tätowierten Augenbrauen, lilaroten Haarfärbungen und zu viel make up verschandeln.


Ist das Hierherheiraten schon für die jungen türkischen Frauen konfliktreich, weil sie sich in eine fremde Familie einpassen, mit einer Schwiegermutter auf engem Raum auskommen und sich unterordnen müssen, so ist es für die jungen Männer die hier einheiraten fast noch schwerer. Sie können die Sprache nicht, egal was sie gelernt oder vorher gemacht haben, sie kriegen nur einen schlecht bezahlten dreckigen Hilfsjob am Bau. Sie kennen sich hier nicht aus, haben keine Kumpels und sind in allem auf die Frau und deren Familie angewiesen.Mit der aktiven Rolle die ein türkischer Mann einzunehmen hat ist all das schwer zu vereinbaren und es führt zu ziemlichem Stress und zu Spannungen des jungen Paares untereinander. In der Regel kommt ganz schnell ein erstes Kind, was zu weiteren Belastungen und zu Einschränkungen des Sexuallebens führt, des einzigen exclusiven Gemeinsamen das die jungen Leute in der Regel haben. Die nervösen aktivistischeren Typen beginnen auf eigene Faust mit kleinen Wörterbüchern Deutsch zu lernen, fahren vorerst ohne österreichischen Führerschein Auto und suchen hektisch einen Job mit etwas mehr Prestige und Verdienst. Manche sind sehr enttäuscht über die schlechten Wiener Altbauwohnungen die an Migranten teuer vermietet werden, zu Hause hatte die Familie ein selbstgebautes und instandgehaltenes Haus und mehr Platz, aber die jungen Männer hatten keine Aussicht auf Arbeit.

Montag, 21. Dezember 2009



"Allein zu sein ist keine Schande" - so unverhüllt bringt es der "Kurier" auf den Punkt.
Dabei bin ich so froh übers Alleinsein, hab so viel zu tun, zu lesen und zu schreiben, bin so froh, daß das Getriebe ein wenig innehält und bedauere ehrlich all die Frauen die Unmengen Lebensmittel ankarren, großartig kochen und kompetitiv dekorieren und die ganze gräßlich Verwandtschaft ertragen und dabei auch noch smashing aussehen müssen! Ich hab es hinter mir und vermisse es kein bißchen.
Dennoch werden Besucher hergebeten, weil alleine wohnen in diesem schrecklichen Haus
riskant ist, es ermutigt die miese entourage zu Übergriffen gegen den Hund, Streuen von hellen Gassplittern vor meiner Wohnungstür,etc. etc.

Sonntag, 20. Dezember 2009




Lustigerweise war das erste Beispiel für den neuen Muttertyp auch tatsächlich eine begeisterte Patchworkerin. Da sie weder ernsthaft studierte, noch arbeitete hatte sie genug Zeit handgenähte Kunstwerke zu verfertigen. Sie hatte noch als Schülerin ein Kind vom Mathematiklehrer (verheiratet, viel älter) bekommen und dann eines von einem Kollegen von mir, der auch viel älter als sie war und sich wenigstens um das Kind bemühte und zahlte. Die Eltern hatten ihr ein Reihenhäuschen gekauft, in dem sie wie ein Kind mit ihren Kindern bastelte und zwischendurch zu neuen Abenteuern und einer dritten Schwangerschaft aufbrach. Inzwischen kenne ich immer mehr solcher junger Frauen und sie fliegen auch nicht auf ältere Daddies sondern auf Gleichaltrige. Es sind die Töchter meiner Altersgenossn, die Kunst oder Ethnologie studiert haben, dann zu einem Projekt oder Trommelkurs nach Afrika oder Südamerika aufbrechen und schwanger heimkehren; der Kindesvater hat sich meist schon wieder verkrümelt. Die meisten von ihnen haben schon ein erstes Kind von einem Schul-oder Studienkollegen, der auch kaum im Leben des Kindes aufscheint.Mehrere von ihnen haben bereits drei solcher Kinder von verschiedenen Vätern aus verschiedenen Erdteilen. In ihrer in-group aus Stillgruppe und Kindergruppe gilt das als chic, Globalisierung der Liebe sozusagen. Gelebt wird von Kindergeld (das also offenbar nicht nur Türkinnen demographisch mobilisiert) und den Zuwendungen der Eltern; die Praktika bringen nix, die Mag.art. unter ihnen, die Einzigen die einen Job kriegen könnten, wollen auf keinen Fall als Zeichenlehrerin in die Schule und allesamt haben sie noch nicht kapiert, daß Magistra sein, heutzutage nicht mehr als das ist, was früher Matura mit etwas Fremdsprachenkenntnissen war: genug um in einem Büro oder in der Ehe zu landen. Die bunten Kinder sind natürlich reizend, werden bio ernährt und phantasievoll angezogen und auch gerne bei den Großeltern geparkt. Von einer neuen Liebe (Medienkünstler etwa) wünscht man sich ein nächstes Kind: weil er so toll ist.
Noch geht das alles, irgendwie. Der Großvater ist Professor und die Großmutter Mittelschullehrerin; sie sind sehr liberal, aber sie machen sich doch Sorgen, wie es mit den Enkeln weitergehen soll. Das Einkommen der Mittelschicht reicht um den Kindern einen guten Start zu geben, nicht aber dazu, Vermögen anzusammeln und auch den vaterlosen Enkelkindern einen ebensoguten Start zu sichern. Der Großvater verzichtet auf Reisen und versteigert seine Netsukesammlung um der Tochter eine Wohnung zu kaufen, damit die Enkel wenigstens ein sicheres Dach überm Kopf haben. Die Hoffnung, daß die Tochter mit 35 und drei Kindern noch einen netten Mann mit ordentlichem Beruf findet, haben Oma und Opa aufgegeben. Die Zeiten werden schlechter, die Politik bei uns geht eher nach rechts als nach links, wird die Tochter dann imstande sein die farbigen Enkel selbständig zu erhalten und realistisch vor Kränkungen und Übergriffen zu schützen?