Samstag, 21. April 2012


So sahs hier im Vormärz aus, als die Stadt noch nicht das Land gefressen hatte: Theresienbad an der Wien. Der umgebende Wald, das sogenannte Gatterhölzl, allerdings galt schon damals als Unterschlupf zwielichtiger Gestalten. Am liebsten vermietet der slumlord an Spielsalons, von denen es hier noch mehr als handyshops gibt, an Tschecherln ohne Gäste und an Prostitution. Die alle renovieren ihre Lokale auf eigene Kosten und zahlen weit überhöhte Mieten wo sonst nur Leerstand die Alternative wäre. Die Bewirtschaftung der Armut ist durchaus lukrativ, mit stadtplanerischen Anregungen allein ist da nicht viel zu ändern.
Die vielen sozial benachteiligten Kinder und Jugendlichen in den großen alten Gemeindebauten und den Zinshäusern der Gegend brauchen Nachmittagsbetreuung und Freizeitangebote. Es gibt eine ganze Reihe von solchen Angeboten: ein Lokal der MA13 und Parkbetreuung in den Schulferien, eine Gruppe von Sozialarbeitern/streetworkern, das sogenannte Kistl, ein Jugendzentrum mit Theatergruppe, die EU-Kinder weiter südlich im Bezirk, und das Lerntrampolin. Jedes dieser Angebote ist sehr verdienstvoll, alle zusammen sind sie aber immer noch nicht genug. Auf den Vorwurf unzureichender Angebote reagieren die städtischen Stellen recht empfindlich; historisch gesehen ganz zu Recht, da Wien eine Stadt mit sehr guter sozialer Versorgung ist; aktuell gesehen doch zu unrecht, da die Zahl von Kindern die durch ihre Familien zu wenig gefördert werden können und oft auch zu wenig betreut werden, sehr stark gestiegen ist. Die eher traditionellen Angebote der Jugendzentren wurden durch streetwork, Parkbetreuung und das Lokal der MA13 (das auch das Nachbarschaftsnetzwerk KAESCH beherbergt und von dem aus betreute sonntägliche Ausflüge für die Kinder, die kaum aus dem Grätzl rauskommen, organisiert werden, was ich für sehr verdienstvoll halte: denn es gibt eine Menge Interessantes für Kinder in dieser Stadt, das nur von Mittelschichtseltern mit ihrem Nachwuchs besucht wird) ergänzt. Das Lerntrampolin wird durch Wiener Rotarier finanziert und kooperiert eng mit einer Volksschule, die EU-Kinder sind eine Mischung aus Lernhilfe und Nachbarschaftsnetzwerk und finanzieren sich nur aus Spenden, die in dieser Gegend nicht hoch sein können, was großen Idealismus bei der Organisatorin voraussetzt. Gerade diese Mischung von Lernhilfe für Kinder, für deren Mütter beim Deutschlernen und ein Nachbarschaftsnetzwerk in dem auch diese Mütter Spiele und Feste mitorganisieren ist ideal um soziale Integration in Gang zu bringen. Auch von der Caritas gibt es schöne Projekte, bisher allerdings noch nicht in diesem Bezirk. Da solche Angebote nur selten (wie im Falle des Lerntrampolins und der EU-Kinder) ausschließlich durch Spenden und Sponsoren finanzierbar sind, gibt es natürlich erhebliche Appetenz auf städtische Förderung und eine gewisse Rivalität der Tragerorganisationen. Davon mitbetroffen sind die Betreuer und Sozialarbeiter, zumeist junge Leute,die von Projektantrag zu Projektantrag um ihre Arbeitsverträge zittern müssen. Die gut dotierten EU-Fonds sind für die etablierten großen Träger leichter anzapfbar, da die Projekteinreichung recht kompliziert sein kann und kleine Initiativen abschreckt, obwohl doch gerade das Gegenteil - nämlich ein recht freier Wettbewerb an Ideen und Kooperationen - intendiert war.
In der nahen Berufsschule eine sehr interessante Ausstellung.

Freitag, 20. April 2012


In der U-Bahn setzt sich ein Herr neben mich, der mit seinem schwarzglänzenden Dings grade ein Gespräch verliert; er scheint darüber gar nicht besonders traurig, er ist eigentlich auch noch zu jung, um wie einige bekannte ältere Herrschaften beim touch and swash mit arthrotischen Händen Probleme zu haben. Aber die Interveniententenzecke läßt sich nicht abschütteln, das Ding piepst sofort wieder und ich höre - wider Willen - eine Mutter für ihren Sohn einen Job fordern; dabei hält sie sich nicht lange mit der Schilderung von dessen Vorzügen auf, sondern betont "bald" und "in die Wirtschaft". Das sei nicht so einfach, meint der Angerufene, er sei furchtbar überlastet und könne nicht so rasch, und Kreuzeinstiege (ich kenne nur Quereinstiege in die Politik, aber was ist ein Kreuzeinstieg?) seien erfahrungsgemäß, außerdem politisch nicht unproblematisch,... die Mutterzecke läßt nicht locker, bekommt aber - vorerst? - keine Zusage, (ganz so wichtig kann ihr Alter also nicht sein), aber sie wird doch sehr höflich unter Herunterratschung aller üblichen Floskeln verabschiedet, (eine Frau Niemand ist sie also auch nicht). Was wohl der Bubi, für den sie da so resolut und unverschämt interveniert, gerade macht?

Dienstag, 17. April 2012


"Hochbürokratie?, na da roll ich mich aber" sagt der B und ich sag "Pscht! um Himmelswillen keine presserechtlich bedenklichen Invektiven auf meinem kleinen blog!" und schenke schnell Fastentee nach, der nun schon bis zum orthodoxen Osterfest gereicht hat und sicher bis zum Tag der Arbeit reichen wird, wenn nicht gar bis Pfingsten. - Im Bus haben der Hund und ich einen Herrn kennengelernt, der ein Croissant mit Würstl drin verzehrte; das weiche Croissant hatte er wohl gewählt, da er nur noch ein paar Zähne hatte. Er erzählte von seinem Hund, den er kurz nachdem er aus dem Häfn gekommen war einschläfern lassen mußte, die Tränen rollten ihm dabei übers Gesicht. I bin a Meidlinga Bua sagte er und nannte den Gemeindebau in dem er aufgewachsen war. Nun wohnt er bei einer alten Dame im Speckgürtel, versorgt dafür den Garten und beide freuen sich an einem neuen, jungen Hund. Und ein paar Tage früher hatte mir eine ältere Frau von ihren Sorgen mit ihrem Buam erzählt, der wieder im Häfen sei; das ist in der Vorstadt nix so furchtbar Ungewöhnliches.

Montag, 16. April 2012


Das sind nicht Vater und Tochter, neinnein. Und seit jener feschen, reschen Person, die bei allen von ihrer kleinen Rente nicht erschwinglichen Erwerbungen, Ausgaben und Reparaturen immer sagte "Des zoit ma da Fredarik mei Bekannta" (wobei sie seine Identität gschamig verschwieg, nur soviel: er sei ein bedeutender Brüssler Hochbürokrat - ach, Bruxelles ist ein Dorf!) heißt dieser Typus bei uns "Frederick die Maus".

Sonntag, 15. April 2012



Handwerkliche und kommerzielle Dienstleistungen ethnisieren sich (die türkische Bäckerei, der tadschikisch-bucharische Schuster und Schlüsselfräser, die chinesische Boutique, der Zeitungskolporteur aus dem Punjab ) ebenso die Halbwelt (die Prostituierten die auf der Straße und jene die in Studios arbeiten, und jene die beim escort service werken, die streetrunner und Drogenverkäufer, die Ausspäher und die Fachleute für Bankomatensprengung und für Überfälle auf Juweliere, etc) - so wie um 1900 die Ammen aus der Slowakei, die Schuster aus Ungarn und die Schneider und Köchinnen aus Böhmen kamen. Aber auch die akademischen Dienstleistungen sind in der Vorstadt besonders. Der Anwalt tritt niederschwellig und schlicht folkloristisch als "Verein für Hilfe auf", das Honorar kann abgestottert werden, gratis wie bei echten Hilfsorgnisationen sind Beratung und Vertretung nicht. Auch KOnsumentenschützer die mehr kosten als die Mitgliedsbeiträge des Vereines für Konsumentenschutz werben weniger mit Hilfe bei verpatzten Urlauben als mit solcher bei Ratenzahlungen, drohenden Exekutionen usw. Bevor die Nachbarn überhaupt eingezogen waren, suchte schon der Exekutor nach ihnen, erzählt eine Bekannte, die ebenfalls hier in der Vorstadt haust. Nur Apotheken und Ordinationen sind überall in der Stadt gleich, für sie gilt überall der gleiche Standard und für grindige Nachbarschaft in der Vorstadt können sie nichts. Bei den Ordinationen allerdings gibt es auch Ausreißer, die an die Armenärzte Celine und Döblin (die von nichtbezahlten Honoraren und nicht vom sicheren Kassenvertrag lebten) und den diskreten Dermatologen hinterm Bahnhof gemahnen. Aber es gibt auch Ärzte die sich bewußt bemühen gerade ihrer ärmeren Klientele eine freundliche Umgebung, freundliche und mehrsprachige Mitarbeiter, Aufklärung und Information zu bieten, wie der nahe Kinderazt und jene Ärztin, die ein Frauengesundheitsprojekt mitinitiierte.

Samstag, 14. April 2012


Der netteste Mieter ist jener, der nicht nur eine gemessen am wirklichen Zustand der Wohnung überhöhte Kategoriemiete zahlt ohne eine Angleichung fristgerecht einzuklagen, sondern der dann auch noch eigenhändig und auf eigene Kosten diese Bruchbude renoviert;beim Auszug sieht er keinen Cent. Dem Nachmieter aber kann dann volltönend Kategorie A in Rechnung gestellt und mit ein paar Phantasieaufschlägen (wie etwa dem berühmten "Parkblick") garniert werden. Man kann Mietern eine Renovierung der uralten und verzogenen Fenster in Aussicht stellen "wanns Ihren Hund weggeben" - allerdings verfängt sowas nur bei Minderjährigen. Wir kennen ein agiles Akademikerpaar daß einen Ersatz der verotteten Fenster bereits vor Gericht erstritten hat und noch immer tut sich nix, im Verzögern von Investitionen gibte unerhörte Expertise. Wie aber, fragt der B. hausen solche Besitzer selber? Da kenn ich zwei Varianten, sag ich. Die Variante a hat von null auf über hundert Mietobjekte gerafft, eines modern ausbauen und sich darin eine grandios coole Wohnung vom Architekten gestalten lassen, als Blumen dürfen nur weisse Callas in die weissen Hallen, der Hausherr hat eine Drehscheibe wie ich sie vorher nur in Werkstätten für Lokomotoven sah im Hof einbauen lassen um seine BMWs reversieren zu können, - de facto aber haust man in Kuchl und Schlafzimmer, so ist man aufgewachsen, so war mans gewohnt und erst die Enkel werden die weißen Hallen dreiradfahrend beleben. Und die Variante b haust freudlos schiach und duster; so wie man es bei wohlhabenden Leuten eigentlich nicht erwarten würde. Man genießt Macht und Besitz, sich an Schönheit und Behaglichkeit zu freuen hat man noch nicht gelernt, jeder Cent wird verteidigt, für die Enkel.

Freitag, 13. April 2012


Der Flieder beginnt schon zu blühen! - Zu Mittag seh ich (in einem anderen Bezirk, der ziemlich heruntergekommen war, inzwischen aber stark saniert und revitalisiert wurde) neben einem türkischen Obst-und Gemüseladen einen Burschen mit nacktem, blutverschmiertem Oberkörper an der Hauswand lehnen; der Besitzer des Ladens, ein älterer, schnurrbärtiger Mann improvisiert einen Druckverband, um die Blutung zu stoppen, die Polizei ist auch schon da, verscheucht die Zuseher und schafft Platz für den Rettungswagen. Der Verletzte mit dem Rippenstich sieht aus wie ein Caravaggioknabe, blass und hübsch, der Täter ist entfleucht. Messerstich zu Mittag, im Sonnenlicht. Ich hab ja schon eine Messerstecherei im Autobus erlebt, vor ein paar Jahren, an einem düsteren Winternachmittag, die paar Fahrgäste hatten sich nach vorn zum Fahrer geflüchtet und im Fond des Busses floß bereits das Blut. Tempora mutantur, aber so richtig anheimelnd ist das nicht.

Dienstag, 10. April 2012


Zu Mittag klopft dann der Zivilfahnder der Polizei an der Tür, vor einiger Zeit hat sich ein Mann, den ich nicht kenne ohne mein Wissen in der Wohnung deren Hauptmieterin ich bin angemeldet; ich hab ihn halt wieder abgemeldet. Hier wird anonym gewohnt, die Postfächer sind großteils unbenamst, ebenso die Türen, man taucht unter, man ist hier und dort, das blankgeputzte Messingschild ist hier unbekannt. Aber trotzdem läßt sich auch da verdienen; so haben wir mal die üblichen Räumungskosten erhoben und die differieren von denen, die der Anwalt bei Delogierung in Rechnung stellt, naja, nicht jeder kann noble causen führen. Der traditionelle Antagonist des slumlords haut bei Außenständen ab, deswegen ist auch die Hausmasterica angehalten auf dem quivive zu bleiben und alle Vorgänge umgehendst zu melden. Doch auch zwischen rescher Hausverwaltung und Hausbesitzern ist nicht alles Konkordanz, man hat ordentlich Grund einander zu mißtrauen, behält sich etwa das Vorrecht des Mieteraussuchens vor, bevorzugt dabei den bürgerlichen Armen ( der in den Überlebenstechniken für Arme noch ganz ungeübt seine wahre Lage erst nach und nach erkennt) weil der auch weniger zum doch so gefürchteten Vandalismus neigt.

Am Dienstag nach Ostern wachen wir zerschlagen auf und kommen nur mit Hilfe von frischer Luft, Kaffee und Kautabletten in deren Namen "hepar" enthalten ist wieder in Gang. Der Hund, der am Vortag fast alle pommes vertilgt hatte, zeigte, wohl dank des bei Aasfressern höhreren Gehaltes an Schwefelsäure im Magensaft, keine Unpäßlichkeit. Nach dem Gassigehen muß ich in den Drogeriemarkt, wenn man ohne Therme wohnt, darf der Nachschub an Feuchttüchlein und Wegwerfwaschlappen nie ausgehen. Vor einem der Läden mit Blusen wie sie ältere türkische Frauen gern unter einer ärmellosen Weste tragen, entdecke ich ein Jäckchen aus pamuk, das ein etwas schlampig genähtes Jil Sander Ding sein könnte, es kostet 4.99 und ich nehme es nur deshalb nicht, weil creme halt leider doch keine praktische Farbe für Hundehalter ist. Ältere türkische Frauen kombinieren ihr outfit farblich oft sehr überlegt, viele von ihnen sind ja gelernte Schneiderinnen, sie sehen gepflegter und eleganter aus als andere alte Frauen, die nicht das stützende Korsett eines altersspezifischen Farb-und Kleidercodes haben, denke ich und werde dabei von einem Mödlinger SUV, der sich in die Gässchen hinterm Meidlinger Markt verfahren hat gerammt und schramme meinerseits ein rundliches Paar mittleren Alters, das sich spitzschnäbelig um einen Kuss bemüht, den ihnen ihre Leibesfülle fast verunmöglicht. Solche nicht mehr jungen und dennoch öffentlich schmusenden Paare sieht man hier öfter. Das muß irgendwie an einer anderen Einstellung zu Sexualität und Intimität hinterm eisernen Vorhang liegen, denn Freunde, die vor vielen, vielen Jahren zur Kur in Karlsbad oder Marienbad gewesen waren, berichteten von rührend unhübschen und keineswegs jugendlichen Paaren, auch solchen die sich offenbar erst durch den Kuraufenthalt gefunden hatten, die man allerorten knutschen und einander bekraxeln sah, das erstaunte die Freunde, und die damals im ganzen Ostblock übliche Mode der schwarzen Lederjacke für Männlein und Weiblein gleichermaßen, ließ die Szenerie wie eine heitere Kolonie rundlicher, schwarzglänzender sich ungeschickt paarender Riesenkäfer erscheinen, Kafka einmal als Idylle.

Ein Musterbeispiel gelungener Immobilienverwertung.

Montag, 9. April 2012


Wir haben ein Kapitel fertig und bekommen dann doch Hunger und ich geh schnell und hole Hühnerdöner und pommes, die Jungs im Laden sind echt nett und allen Hygienezweiflern sag ich immer daß die Würstelstandkonzession den Damen nach dem Ausscheiden aus dem Gewerbe vorbehalten war. Heutzutage, sagt der B, wechseln sie dann aber ins money laundering, eine durch und durch hygienische Angelegenheit. Nachher trinken wir wieder Fastentee obwohl ein kaltes Weißbier auch nicht schlecht wäre. Gegen kleinen Beschiß von unten nach oben sind wir ja moralisch nachsichtig, der von oben nach unten heißt strukturelle Gewalt und ist so schön unpersönlich aber der direkte von oben nach unten, also der empört uns, das tut man einfach nicht. Aus dem Schullesebuch kannten wir die Waage der Waleks aber damit hatte es sich dann, erst hier in der Vorstadt konnten wir schnellen, geschickten Beschiß von oben nach unten direkt beobachten und uns grauste: so was tut man einfach nicht. Wir waren davor unfähig gewesen zu erkennen daß man an Armen auch sehr gut verdienen kann, und zwar nicht nur über den Massenverkauf billiger Ramschgüter und durch schlechte Löhne, sondern durch geschickte freche Rechtsverdrehung gegenüber Leuten die ihr Recht nicht einklagen werden.

Was durch den Wienerwald ( manchmal finden wir helle, unglaublich weiche Unterwolle in den Sassen ) springt sind natürlich keine Kaninchen, sondern große, magere Feldhasen, so wie die Barry Flannagans. Wir trinken noch Kaffee und essen jeder schon die zweite Tafel aux amandes, das kommt davon wenn man die warme Hauptmahlzeit ausläßt, und bereden dies und das, das Mezzanin (der wienerische Euphemismus fürs Hochparterre, erst im ersten Stock beginnt das bürgerliche Wohnen), den slumlord, der sich die Hände reibt, wenn er einen versprengten kultivierten Armen einfängt, der ihm nicht die Bude zusätzlich devastieren wird und warum man den korrekt verwalteten Reichtum, der sich mit kleiner Rendite begnügt, lieber hat als jene Leute, die einem für ihre erste Million am liebsten das Fleisch von den Knochen kratzen möchten. Niemand ist gern Objekt der primären Akkumulation und Gemeinsamkeiten will man mit solchen Leuten schon gar nicht pflegen. Aber es gibt leider Leute die sich leicht und scheinbar gern betrügen lassen: arme Rentner zum Beispiel, die zusätzlich zum ohnehin mit der Krankenkasse abrechenbaren Betrag ohne Gegenleistung eine Privattaxe ohne Rechnung zahlen und sich dann irgendwie besser fühlen, weil sie für ihren Fuffziger (für die Mindestrentnerin) oder ihren Hunderter (die paar Beamtenwitwen, die es an solche Adressen spült) einen Händedruck vom Herrn Doktor bekommen. Ach, sag ich, lieber B, ereifer dich doch nicht, wer will da schon was beweisen, und ein Händedruck vom Herrn Doktor ist doch eine höchstqualifizierte medizinische Dienstleistung, denn medicus sanat und die Einbildung bekanntlich auch.

Ostern ist so schrecklich kurz geworden. Nicht nur daß hier niemand die Karwoche kennt und Ostern nur durch die Schokohasen beim Aldi, der neben den ethnischen Läden auch noch frequentiert wird, und die freie Schulwoche ein Begriff für die Jungen ist, der Ostersamstag ist ein ganz gewöhnlicher Shoppingsamstag geworden. Im Wienerwald flitzen die Kaninchen, der Bärlauch stinkt und der Hund untersucht die Hasensassen, der B. und ich trinken Fastentee, von dem ja noch so viel übrig ist, wir nehmen keine der in unserer Generation üblichen Lammvariationen an Schnickschnack der gehobenen Gastronomie oder aus der eigenen high tech Küche zu uns (die geneigten Leser kennen ja meine Slumküche, die Vormieter, eine türkische Familie mit kleinen Kindern, wurden delogiert und hinterließen verärgert nicht nur die bedrückenden Spuren ihrer Armut, sondern auch reichlich Dreck) wir arbeiten einfach durch und zwischendurch lesen wir dies und das und wundern uns kein bißchen. Die Remarginalisierten ziehen durch Europa, der postkommunistische Nationalismus und Rassismus gedeihen, während die Nomenklatura samt Anhang Anschluß an unsere Korruptionisten suchte und fand. Am Nachmittag hören wir dann die dramatisierte Kapuzinergruft im Radio, trinken wieder Fastentee und essen dazu - der Mensch ist halt ambivalent - jeder eine Tafel Schokolade aux amandes, die Küche bleibt kalt.