
Er war Wissenschaftler und hatte eine Stelle an einer unserer Unis bekommen und - vielleicht weil sein Name sehr exotisch klang - vermittelte die Immoagentur ihm eine Wohnung in einer tristen Gegend, in einem Haus dessen Treppenhaus völlig schwarz verkohlt war. Die Mistkübel standen dort nicht im Hof, es gab wohl keinen, und waren von irgendwem angezündet worden oder hatten sich selbst entzündet, das war schon vor mehr als einem einem Jahr gewesen, das verrußte Treppenhaus sah aus wie in einem Kriegsfilm. Aber die Wohnung immerhin war frisch renoviert, hatte eine neue Gasetagenheizung und eine in der Küche eingemauerte Dusche, war also streng genommen keine Kategorie A, wurde aber selbstverständlich als Kategorie A vermietet. Die Nachbarin war die letzte verbliebene Altmieterin, 84, Diabetikerin mit Beinleiden, tschechischstämmige Wienerin und obwohl sie kein Englisch und er und seine Frau noch kaum Deutsch konnten, hatten sie sich ein wenig angefreundet, denn sie war ein freundlicher Mensch und die beiden kamen aus einem Land in dem alte Menschen noch mehr Achtung genießen als bei uns. Die alte Frau ging sehr mühsam bis in den vierten Stock, in dem beider Wohnungen lagen, geholfen wurde ihr von den anderen Nachbarinnen nur gegen Geld. Sie hatte ihren Schrebergarten aufgeben müssen, weil ihr alles viel zu viel geworden war und für das Schrebergartenhäuschen hatte sie etwas Geld erhalten, die Verhandlungen darüber hatte sie mit der lauten Stimme der schon etwas Schwerhörigen am Telefon geführt, es war im Sommer und die ins Stiegenhaus führenden Küchen -und Vorzimmerfenster waren um Durchzug zu schaffen immer offen gewesen - man wußte also, die Alte hat a bissl Geld. Einbrechen war ja leicht, eine vergitterte Glastüre für einen Profi keine Affaire. Das Geld war weg und die anderen, wenigen, Wertgegenstände auch. Die Polizei kam, forschte auch ein bißchen im Haus herum, entdeckte in einem der unteren Stockwerke so nebenbei ein Matratzenlager für 15 Personen, ihre Goldmünzen und das Geld für das Schrebergartenhäuschen bekam sie leider nicht wieder. Aber - das scheint eine verbreitete Rachemethode zu sein und der B. meint ich hätte Glück daß über mir nicht der Dachboden, sondern eine - im übrigen sehr liebenswürdige - Altmieterin sei - auch über ihrer Wohnung wurde das Dach abgedeckt, es tropfte in ihrem Wohnraum von der Decke und die alten Stromleitungen waren auch betroffen, es wurde in diesem Jahr früh Herbst und sie heizte doch mit Strom. Die Hausverwaltung ließ sich mit Instandsetzung Zeit, das schwarzverrußte Stiegenhaus sprach ohnehin für sich. Außerdem wurde die alte Frau im Stiegenhaus bedroht. Unser Wissenschaftlerpaar hatte (von den Kollegen an der Uni unterstützt) inzwischen eine nette kleine Wohnung in Uni-Nähe gefunden und die alte Frau hätte dann überhaupt keine Unterstützung mehr im Haus gehabt, das übliche Schicksal alter Frauen in solchen Häusern. Sie hatte sich schon vor Jahren im Altersheim angemeldet und nun die Nachricht bekommen, daß jetzt ein Zimmer frei sei und sie sich recht bald entscheiden müsse. Ihre Besitztümer auf das zu reduzieren was sie ins Heim mitnehmen konnte war sehr schwierig für sie und sie hatte auch nur eine kurze Frist für diese Entscheidungen. Aber, so sehr auch Autonomie gegenüber sauber-satt-warm-sicher-Versorgungen zu bevorzugen ist: die nächste Bedrohung mit Anremepelei (und angesichts ihres Alters und Zustandes gefährlichem Sturz) auf der Stiege, selbstverständlich ohne Zeugen, nicht wahr, und hätte sie den Rempler gegenüber der Polizei identifizieren können, hätte sie das weiter gefährdet, so ist das halt in sublegalen Rachekulturen (die sich aber durchaus mit Verwerterinteressen vertragen können)- ja,um den langen Satz zu Ende zu bringen: Autonomie setzt Kraft und ein geeignetes Umfeld voraus.
"Kommen noch mehr Gschichten zur quasi naturläufigen sozialen Segretationsdynamik", fragt der B. "Mal sehen", sag ich.