
Am besten gegen Kälte ist natürlich Wolle. Ungefärbte Wolle vom Rhönschaf, gefärbt, gefilzt, verstrickt, zu Loden verarbeitet. Und für alte Knochen das Beste ist Kaschmir, der - gut behandelt - ewig hält und wärmt. Aber Naturfasern lassen sich nicht unendlich oft waschen, sie setzten eine geordnete, oder zumindest nur naturdreckige Umgebung voraus, keinen Stadtgrind. Deswegen fleece, fleece, fleece und Wolle nur zum Erinnern.
In gutbürgerlichen Haushalten (das sind solche in denen man sich nicht mit den Hausmeistern duzt, ihnen aber auch mehr als das absolute Minimum zahlt und ihnen eine ordentliche Unterkunft zur Verfügung stellt - kurz gesagt: Familien in denen die primäre Akkumulation wo Kleinvieh noch Mist macht schon etliche Generationen her ist) wird nach Ostern Kaschmir gewaschen ( ein paar Jäckchen für den Sommer ausgenommen). Das überläßt die Hausfrau nicht der Haushaltshilfe, die zwar allein Silber putzen darf, nein, das macht sie höchstpersönlich, in der Badewanne vom Gästebad. Unterschieden nach Farben werden die guten Stücke gebadet, in biowollshampoo mit Lavendelduft geschwenkt, gespült, gespült und nochmals gespült. Selbstverständlich alles von Hand! In so einem gediegenen Haushalt kommen schon eine Menge Kaschmirpullunder des Hausherrn, Pullover der älteren Kinder (nur novaritchs
verwenden Kaschmir für kleine Kinder, auch wenn Hermes das verkauft) Rollis, Westchen und Twinsets und Schals aller zusammen! Zumeist dauert die Wascherei zwei Tage. Es herrscht gespannte Stimmung im Haus, auf der vorderen, der hinteren Terrasse und im Wintergarten und in der Veranda: überall trocknet sorgfältig ausgebreiteter Kaschmir, die Dame des Hauses hat Rückenschmerzen vom gebückt an der Badewanne stehen und läßt durchblicken wie sehr sie sich für die Ihren doch aufopfert. Endlich ist alles trocken, der Herr des Hauses der sich und seine Papiere im Arbeitszimmer vor der erhöhten Luftfeuchtigkeit und den schwebenden Vorwürfen geschützt hat, kommt wieder ins Esszimmer und sogar an die Küchentür schnuppern. Nach dem Trocknen kommt das Einräumen, auch eine höchst penibel zu verrichtende Sache. Ich kannte eine Frau Professor (selbstverständlich war nur der Mann Professor, aber sie war Industriellentochter und das is nicht nix) die über den Winter die Kartonblätter aus den Packungen der teuren Strumpfhosen aufhob und diese dann als Grundlage zum Pulloverfalten verwendete. Schlußendlich wurde in die Biedermeierschränke geräumt, ein Lavendelsäckchen und Zedernholzstück dazugetan und aufgeatmet. Und so hielten die guten Stücke viele, viele Jahre lang; gehobenes Bürgertum ist mit Pflegen, Hegen und Bewahren, mitunter auch mit Verteidigen beschäftigt, nicht mehr mit Raffen, Ergaunern, Übervorteilen und Imitieren.