Dienstag, 30. November 2010



Mit meiner Gruppe heute im Museum, Wiens Geschichte, eine tolle virtuelle Rekonstruktion des Römerlagers Vindobona und die Reste der Türkenbelagerungen: ein Teppichfragment aus dem Zelt des Pascha, Waffen, Standarten und ein großer Parfumflakon sowie ein Pomander. Vor dem Holzpferd mit Eisenharnisch haben sich dann alle gegenseitig fotografiert,auch der Islam kennt die Jungfrauengeburt und die Verkündigung durch den Engel und die spätgotischen Bilder wurden mit Sympathie und Verständnis betrachtet. Die vorletzte Jahrhundertwende und die eleganten Wiener Interieurs (Loos, Wiener Werkstätten Silber und die Bilder meines Lieblingsmalers Moll, dem Stiefvater von Alma Mahler) haben dann nur mehr mich begeistert. Habt ihr auch Maria Theresia gesehen, fragt B, aber ja, auch ein ein schönes Gemälde mit einem Teil der Kinderschaar (sie hatte 16 Kinder).

Syberberg hat sehr um seine Katze getrauert, nun ist eine halbverhungerte im ersten Schnee zugelaufen, seine schönen Bilder hier und hier! (für Barbara: jeweils etwas scrollen)

Sonntag, 28. November 2010


Das Bild ist von einem Anthro-blog gestibtzt, so eine Bank in Stille und gut behandelter Natur (ohne Energy-Drink-Dosen, ohne Spritzen mit Serum) hat in den letzten Jahren sehr, sehr gefehlt. Die erste Adventkerze brennt, für einen Kranz ist einfach kein Platz, es ist schon schwierig, die paar Pflanzen unterzubringen. Um 19 Uhr, wenn Jupiter kulminiert, wie Aoea es so schön beschreibt, kann man auf Ö1 mehr über Friedrich Weinreb hören.Ich habe einen 2okg Sack Basmatireis bekommen, der PC wurde getunt und die Sicherheitsanlagen auch, um sicher durchs Stiegenhaus zu gehen, habe ich eine ergänzende Ausrüstung zum handy bekommen. Wie schon gesagt, hier ist keine Idylle.
In den blogs und Zeitungen, die wir lesen ist von Währungsschnitt (zu den Feiertagen?)die Rede, Freunde investierten in Grund und Immobilien (natürlich nicht in Vorsorgewohnungen oder ähnliche Angebote). Die Lebenswelten der Abgesicherten und der Prekären haben sich stark voneinander entfernt; ein Jahrgangskollege berichtete mir empört daß er trotz bester Beziehungen für seine Tochter nur prekäre Jobs auftreiben kann, fragt sich wie der Hund und ich (ohne Papa) überhaupt über die Runden kommen. Diese Polarisierung habe ich auch in den Anthroblogs wahrgenommen; die alten Prekären, die Gründer und Initiatoren, oft dogmatisch und streitlustig, anders lassen sich die Mühen, Risiken und Entbehrungen wohl nicht verkraften. Und dann die jungen Prekären, trotz großen kulturellen Kapitals und verschiedener Ausbildungen zwischen Hartz4 und Altenbetreuung ohne Perspektive in Jobs die grade zum Überleben und zum sich Abknapsen einer Zusatzversicherung ausreichen gefangen. Wie sollen da Entwürfe, Familien, Zukunften entstehen? Nur monadisiertes sich Durchschlagen. Und dann das beamtete Mittelalter, mit herkömmlichem Lebensstil und genug Energien zu der für unsere Generation so typischen Innenschau. Altersmäßig dazwischen die aktiv Prekären, die Projekte, Geschäfte gründen, geschäftig dynamisch und in Abgrenzung zur versorgten Unterschicht, deren Betreuung doch vielen von uns den Lebensunterhalt bietet.
Jetzt wird mal ein längeres Weilchen auf dieser virtuellen Parkbank auf dem Weg zum Hügel gerastet.

liebe Barbara,
das Foto ist von hier; eins der Probleme der Prekären ist, daß sie genausowenig Geld haben wie diejenigen die sie betreuen; und das trotz vieler Ausbildungen und Studium.
Ich kenne Frauen mit Promotion, MBA und langer Praxis die nicht mehr Geld verdienen als ihre Klienten (ungelernte ArbeiterInnen) vom Arbeitsamt plus etwas Sozialtransfers bekommen.

liebe Barabara,
obwohl ich die Bank gestibitzt habe, ist sie unterm Heizhaus (bisserl scrollen) noch zu sehen...

Samstag, 27. November 2010


Gestern nacht hat es auch hier geschneit, nicht viel, und es hat die Umgebung keineswegs schöner gemacht, lediglich die Luft ein wenig sauberer und klarer. Wir trinken ayurvedischen Tee und unterhalten uns flüsternd über die Ökonomie der Aufmerksamkeit und darüber, daß immer jene, für die sich der Gegoogelte nicht interessiert ihn googeln. Wie die treuen Leser wissen, ist hier keine Idylle; nach wie vor wird die Post gestohlen, aber alles Wichtige wird ohnehin schon lange woandershin adressiert. Das ist eben die besondere Note des Hauses, warum dafür noch kein Extra-Zuschlag zur Richtwertmiete vorgeschrieben wird? Na, vielleicht kommts noch. Eine junge Fachärztin war da, fand das Entree urgrindig und die überschwere Tür eine Zumutung für die alten Patienten der Ordination. Wir wechseln in die Küche und trinken dort weiter Tee, wieder flüsternd, und hören uns das Kopulationsgeschrei von dieser Seite an. Naja, sagt B., das ist der Triumph der Wortlosen.

Das Wort kann sich öffnen.



Schon als Studentin mochte ich die ganzen Laborratten-Analogieschlüsse nicht. Viel ist von diesen Moden auch nicht übriggeblieben,aber immer noch werden Tierversuche, eben vor allem mit Kleinnagern, gemacht. Man denkt das seien alles medizinisch-pharmazeutisch irgendwie nötige oder sinnvolle Versuche, aber das stimmt nicht. Es gibt eine Menge nonsense-Forschung, um Etats auszunutzen, Publikatonen zu gerieren und den Betrieb am Brummen zu halten. Der bei uns so hochgerühmte Tiroler Penninger
z.B. macht Versuche um ein Synästhesie-Gen bei Mäusen und Menschen zu finden, dabei werden den Tieren Schmerzen zugefügt.Man freut sich dann auch einmal von einer anderen Art Nager-Verwendung zu lesen, nämlich Großratten, die Minen aufspüren können und (und das ist das Besondere) dann nicht an der Explosion sterben, weil sie zu leicht sind um den Sensor zu aktivieren und eine Explosion auszulösen. Sie zeigen lediglich an, und die Minen können dann entschärft werden.

Freitag, 26. November 2010


sabe mesmo os nomes todos?

water wrackets part 1 and 2

Donnerstag, 25. November 2010

Mittwoch, 24. November 2010


liebe Barbara,
diese evangelikalen Gemeinden sind in Südamerika sehr stark, sie missionieren auch stark und sie haben eine gewisse erzieherische Wirkung auf sehr arme Bevölkerungsgruppen die ambivalent aber nicht ausschließlich negativ ist. Z.B. ermutigen sie die Leute ein kleines business aufzumachen und Erfolg zu haben, damit brechen sie die Tradierung von Elend und Hoffnungslosigkeit und das ist ja schon mal was. Ich selber habe beobachtet daß bei Latino-Frauen (die sehr oft Alleinerzieherinnen sind weil die Männer schnell abhauen) starke Religiosität sehr viel Halt gibt, sie arbeiten für ihr Kind, lassen sich nicht mehr in andere Beziehungen (die immer nach dem Schema: ich mach dich ein bißchen glücklich, gib mir Geld ablaufen) ein, können ihre Kräfte für sich und das Kind einsetzen und dem Kind einen beseren Start ermöglichen. Die Gruppe/Gemeinde gibt sehr viel Wärme und Rückhalt.

Dienstag, 23. November 2010


Am oberen Ende der Blumenstraße hat sich noch eine evangelikale Gemeinde eingemietet (das Lokal war vorher ein Fischrestaurant) und ihr Stück Erde nett bepflanzt und an einem Eck wächst so ein ephemeres kleines Unterfangen, mit Minibeeten, Stöckchenzaun, so wie Kinder spielen, ob man es als künstlerische Intervention bezeichnen könnte? O ja, doch, doch.

Vor der Volkshochschule und der Berufsschule stehen wunderschöne große Platanen; weil es im Frühjahr so viel geregnet hat, waren die Blätter heuer besonders reichlich. Die abgefallenen wurden aber rasch weggekehrt, hier wird von der Stadtverwaltung viel geputzt und gekehrt, das Viertel würde sonst im Dreck versinken. Aber der Geruch der feuchten gerbsäurereichen Blätter und die Stadien ihres sich Verfärbens fehlen mir. -
Bei den Orchideen ist das Besprühen mit möglichst weichem Wasser das Effektivste. Nicht nur die Luftwurzeln nehmen das Wasser dann gut auf, auch die Blätter und Blüten. Im Aldi konnte ich doch nicht widerstehen noch eine Pflanze zu kaufen, und zwei ihrer Knospen fielen rasch ab, zu viele Tage Trockenheit, Herumgeschubse und grelles Licht hatten sie erdulden müssen. Nach ein paar Tagen Besprühen nun entwickeln sich an der Spitze neue kleine Blütenknospen. -
Es gab ein paar dunkle, feuchtmilde atlantische Tage, die mich an Paris erinnerten wo man mit einem Strickmantel durchaus durch den Winter kommen konnte und am liebsten wäre ich mit dem Hund ganze Tage auf dem Land unterwegs gewesen. Ich mag das trockene und kalte Kontinentalklima überhaupt nicht, nicht einmal Föhn gibt es hier, Wien ist wirklich sehr weit im Osten.

Sonntag, 21. November 2010


Alle Weihnachtsvorbereitungen sind bereits erledigt, gebacken wird nicht und damit kann ich mich dem ganzen Weihnachtsrummel entziehen. Mir taten schon die überlasteten Frauen in meiner Gruppe die zu Bayram putzten, kochten und nach den vielen Gästen wiederum putzten leid. Das hausgemachte Baclava allerdings war schon sehr gut.

Samstag, 20. November 2010


In der Ethnoanalyse werden soziale Marginalisierungsprozesse als sozialer Tod bezeichnet. Tatsächlich aber scheint der soziale Tod auch ein paar Erleichterungen, ja einen befreiten Schwebezustand zu ermöglichen. Normalerweise werde ich täglich mehrmals wegen des überaus freundlichen Hundes beschimpft, angegangen etc. Heute nun, im uralten Anorak und in einer lehmbepatzten Hose hielt ich mich auf einer Grünfläche mit dem Hund spielend ein wenig abseits auf und wurde vollständig ignoriert und in Ruhe gelassen. Wie angenehm! Man hielt mich für eine Obdachlose mit Hund, unbelehrbar, am besten man hält Abstand.

Freitag, 19. November 2010


liebe Aoea,
ja, das Bild ist eine bayrische Küchenszene. Welche Menschen im Barock eigentlich barocke Menschen waren (die in der Küche auch?) ist eine interessante Frage. Im Land des Barock und der Gegenreformation kommt ja nicht umhin viele barocke Bauten und Bilder zu sehen und vielleicht sogar etwas besser zu kennen, aber über die barocken Menschen weiß man allgemein nicht so viel. Wie das Bild zeigt, gibt es ein nach der Renaissance weiterhin bestehendes Interesse am Körper, aber am Körper in exzentrischen, ekstatischen , außergewöhnlichen Zuständen.

liebe Maurulam,
in den letzten Jahren hab ich nur ein, zwei mal Schnittblumen (Tulpen bei Aldi) gekauft, und auch keine Blumen mehr gepflückt.Tischdekorationen mit Blumen, Vasen, Kränze, Sträuße interessieren mich nicht mehr. Die Freude an lebenden Pflanzen ist viel großer, sie sind ja auch der letzte ätherische Rest in diesem schrecklichen Stadtleben. Erst seit ein paar Jahren habe ich Zimmerpflanzen, vorher fand ich das seien spießige Staubfänger.

Donnerstag, 18. November 2010


Bei Syberberg heute einen Satz gefunden der hängenblieb:
"einfach so"
"dass es da ist,
und dann - dann werden wir sehen, das offene Gehäuse der Tat"

Das offene Gehäuse der Tat. Wie schön! Wie wichtig! Wie selten! Wie selten.

landläufiges Barock, äh, Barockverständnis

Dienstag, 16. November 2010


Wir trinken Tee, essen Bauernbrot mit Demeterbutter, Tomaten und Paprika und hören Monteverdi. Wir reden über katholische Kindheit, Askese, Eleganz. Ein Mensch ohne asketische Züge kann niemals elegant sein, niemals. Eleganz wird fälschlich immer mit Opulenz gleichgesetzt, mit Verwöhnung und Überfluß. Er ist halt ein barocker Typ sagt man vom Mittvierziger der seinen Bauch im Restaurant und nicht durch Bier erworben hat. Aber die barocken, feisten Fürsten von denen stets die Rede ist konnten und mußten Kräfte aktualisieren können wie große Raubtiere: Heerführer sein, militärisches Training hinter sich gebracht haben. Zu Hause wurde uns beigebracht daß Leute die sich überessen verächtlich sind, ohne Selbstbeherrschung, gefährdet abhängig und kompromittiert zu werden. Natürlich galt das auch noch für anderes. Selbstbeschränkung ist Freiheit.

Zu den Annehmlichkeiten der Arbeit im universitären Bereich gehört daß man weiß mit wem man es bei den Vorgesetzten zu tun hat. Jede Publikation ist einzeln aufgelistet und außerdem gibt es die soziale Kontrolle, jeder kennt jeden. Bei Milieuwechsel erlebt man die frechsten pretenders: den Personalchef im maschinenwaschbaren Nadelstreifdreiteiler der das Arbeitsrecht auf dem Tisch liegen, aber nicht im Kopf hat und schlußendlich gemeinsam mit der Dame, die auf der Toilette immer Schlückchen aus der papierverpackten Pulle (wie im Amerika der Prohibition) nahm den Laden verlassen muß. Wobei: derjenige der den Abgang betrieb war auch kein great performer.
In der Finanzdienstleistung und der Arbeitskräfteüberlassung trafen sie sich wieder.

liebe Barbara,
Immovertrieb haben wir noch vergessen. Die bekannt seriösen Branchen eben.

Doch zurück zum Slumlord. Ein paar Gassen weiter wird ein Kellerlokal, 70m² für 300,-
monatlich unter der Bedingung der Sanierung angeboten. Hier ist das in solchen Mietverträgen Implizite (eine Bude in der nach 5 Wochen die Therme stirbt, nachdem sie bei Einzug, bei dem sie auch schon nicht ging, vom hauseigenen Installateuer noch mal schnell auffrisiert wurde) explizit gesagt. Ach, sagt B., laß doch den Anwalt machen.

Heute ist Bayram, das vermutlich bald ein staatlich anerkannter Feiertag sein wird. Reisen nach Mekka werden besprochen, die heutzutage im Arrangement gebucht werden. Ist Martinigansl halal?, doch doch isses. So geschehen die Annäherungen auch von der anderen Seite zuerst gustatorisch.

Sonntag, 14. November 2010


Rätzelchen für Maurulam: na, was denkst du, welcher mir wohl besser gefällt?

Aber auch Madame Fillon ist tres tres sympa (fünf Kinder, ungefärbtes Haar) und sie heißt Penelope!

Und sie haben selbstverständlich einen Hund.

Aus den Kommentaren zu Schäubles Steuervorschlägen:

"Politische und religiöse Gründe waren für die Masse der Auswanderer weniger, um nicht zu sagen unbedeutend - im Gegensatz zu den Emigrationen des 18. Jh. und zuvor. Die Geschichte lehrt uns also, das Prekariat ist durchaus mobil, wenn es nur genügend prekär wird."

"slumlord wird so zur ernstzunehmenden berufsperspektive, die auch den vorteil hat, nicht an bildungsvoraussetzungen gebunden zu sein."

Samstag, 13. November 2010




Es ist in den letzten 10 Tagen so warm gewesen daß manche Rasenflächen voller Gänseblümchen sind; der Hund hat sich gewälzt und die Gänseblümchen niedergedrückt, was mir leidtat, aber sie haben sich, obwohl manche ein bißchen zerrauft, wieder aufgerichtet, waren nicht geknickt.

Der von mir so geschätzte Naipaul hat auch die amerikanischen Südstaaten bereist und mit Interviews, Gesprächen, Begegnungen und seinen sehr speziellen Reflexionen das Rassenproblem beschrieben. Aber am interessantesten ist für mich das was Naipaul über Harlem berichtet, das nicht als slum für die Schwarzen errichtet wurde, sondern als gescheitertes Spekulationsprojekt für Mittelschichtler, das viel zu wenige Mieter fand. Die schönen Materialien und die Baustruktur der alten Harlemer Häuser machen das auch sichtbar. Allerdings: welcher Tourist kennt diesen Stadtteil schon. Naipaul, der über die indischen slums der verschiedenen Kasten und Ethnien berichtet hat zeigt die geschäftsmäßige und gewinnbringende Organisation des slums von Anfang an. In den armen Wiener Bezirken ist es etwas anders: die Häuser der Gründerzeit wurden für Arme gebaut, auch wenn Historismuselemente an den Fassaden das beschönigen.
"I bin a soo a Rote" hatte mir von den schwarzen Straßenhändlern in NY berichtet, die halt arm bleiben müssen, weil sie heimgehen sobald sie drei Sachen verkauft haben, statt weiterzumachen, sich was auf die Seite zu legen und sich insgesamt wie ein Max Weberscher Bürger zu verhalten. Da wird Rasse ("Mentalität") mit Klasse verwechselt, ein häufiger - und historisch gesehen tragischer - Irrtum in der Parteibasis übrigens.

Lernhäuser für Kinder. Eine Raiffeisengesponserte Sozialinitiative. Es gibt auch ein Mädchen-Center der Caritas.
Bravo Ferry Mayer, sagt B und lacht.

Die neue Vizebürgermeisterin mit ihrem Hund.
Der Hausherr hier war in der Kreiskyzeit Atomlobbyist der Konservativen, zwischenzeitlich Clubführer der Konservativen im Parlament und sein Sohn der Kabinettschef von Minister Böhmdorfer in der ersten blau-schwarzen Regierung. Böhmdorfer war Haiders langjähriger Anwalt und verteidigt jetzt den Ex-Hypochef
Kulterer. Aber es gab natürlich auch rote Atombefürworter, in der Regel ältere Techniker. Gestern sah ich mir den Parteischaukasten der Roten in Hetzendorf an, das ist der hübsche Teil des Bezirks, und den danebenhängenden der Grünen. Pensionisten gegen junge Familien und qualifizierte Expertise, unübersehbar. Obwohl die Rote Stadtregierung wichtiger Arbeitgeber ist schlägt sich das nicht im Leben der Bezirkssektionen nieder. Mir fällt immer die Kollegin ein, die im zweiten Bildungsweg mühsam ein Studium abgeschlossen und ein Praktikum und dann eine Karenzvertretung in einer Arbeitnehmerinteressensvertretung ergattert hatte. Sie hoffte auf den nächsten freiwerdenden Job, der indes fürs Söhnchen der Abteilungsleitersekretärin reserviert war, er brauchte nur etwas länger für die Diplomarbeit. Das dynastische Prinzip und die Tatsache daß Blut dicker als Wasser ist gilt für alle politischen Bewegungen. Ebenso das Sympathieprinzip vom gleichen Stallgeruch. Auf den höchsten Parteiebenen, wo man schon viele Jahre der Belästigung mit Interventionen und Anschiebereien hinter sich hat, weiß man das eh und ist völlig illusionslos über sein Parteivölkchen.

Freitag, 12. November 2010


Für diese Frau die mir so ähnlich sieht, habe ich durchaus freundliche Gefühle und Hochachtung vor ihren Leistungen: Promotion, Kinder und langdauernde Ehe. X. hat den optisch gleichen Typ gewählt und dabei mit dem Menschen großes Glück gehabt, denke ich. Warum wir nicht zusammenblieben? Ein paar dumme Zufälle, verschiedene Studienorte, aber vor allem jugendliche Unbedingtheit und Unnachgiebigkeit. Dabei war mir schon bewußt gewesen, daß Xs Gegenwart angenehm leicht und einfach richtig war. Darauf kommt es nämlich an: daß man den anderen nicht als lastend, beengend und trotz Verliebtheit eigentlich doch unangenehm empfindet. Das hängt mit Familienähnlichkeiten zusammen und deswegen verstehe ich die Cousinsheiraten der türkischen Zuwanderer ganz gut. Jede Familie ist ein Kontinent für sich, mit Riten,
Ritualen und Werten, mit Abneigungen und Idiosynkrasien. Wie können die Schwiegereltern nerven! Die zugeheirateten Schwägerinnen liebt man nur wenn sie schon eigenen Jugendfreundinnen waren, ansonsten sorgen sie immer für Irritationen. Da ist es besser endogam zu wählen, der Familiennarzißmus macht dann alles leichter.
X. war selbstsicher und freundlich, nachdenklich, kein Kriecher (die Sorte Leute die zu grüßen beginnen sobald sie erfahren daß man wen Wichtigen kennt), mit guten Manieren die alles viel viel einfacher machen und die durchaus anderes sind als triumphal vorgetragene Bildung.
Zu Barbaras Frage: warum immer der gleiche Typ, ich denke es ist eine erotische Reizkonstellation, je dämlicher der Mann ist (Becker z.B) desto perseverierender die Wiederholung.

Beim Warten auf den Autobus konnte ich einen nagelneuen rosegoldenen Mercedes beobachten, der an der Kreuzung ebenfalls warten mußte, es war nicht der gleiche den B, einen sibirischen Bubentraum genannt hatte, ich besah mir extra das Kennzeichen. Der Fahrer, mittleren Alters, sanguinisch-vitaler Typus, bohrte hingebungsvoll in der Nase, besah sich das Herausbeförderte, wuzelte es zwischen Daumen und Zeigefinger , schnippte es auf den freien Nebensitz und fuhr los. Naja, Beifahrerinnen rosegoldener Mercedese sind eh nicht heikel.

Donnerstag, 11. November 2010


Ich hänge mühsam die überschwere Eingangstür des Hauses fest, weil Freunde mir etwas bringen. Sofort lassen die Hausmeister die Tür wieder zufallen. Das haben sie ebenso gemacht als ich den Fuß gebrochen und auch als ich den Arm gebrochen hatte. Viele Male.
Feines Haus, sagen die Freunde. Und der Besitzer? Aha.

In meinen Gruppen sitzen Antigone, Nereide und Triton. Lauter Albaner und sie lächeln bescheiden, nicht wissend um die Größe ihrer Namen. Nereide und Triton kann ich erklären, aber Antigone?

Es ist ja hinlänglich bekannt daß Männer immer wieder gern in die gleiche Typenschublade greifen, aber man ist doch überrascht selbst ein wiederfindbarer Typus zu sein. Hält man sich doch gern für einzigartig. Freunde hatten mir - es ist lange lange her - damals gesagt die Nachfolgerin sähe mir sooo ähnlich, ich hielt es nicht für möglich und vergaß es auch sofort wieder. Aber kürzlich sprang er mich übers Internet an, X. der eigentlich mit einem Studienabbruch geliebäugelt hatte (was egal gewesen wäre, dann hätte er halt in Vaters Firma oder in der eines Freundes der Familie einen Job und mit etwas learning by doing ins etwas verachtete Wirtschaftsleben gefunden)und den ich nicht besonders intellektuell fand, aber das störte nicht, dieser X ist nun Professor. Er selber hat kaum noch Haare, aber keinen Bauch, immerhin. Und die Frau: tatsächlich meine Schwester im Fleische! Nie hätte ich für möglich gehalten, so wenig einmalig zu sein. Und sie hat den Haarschnitt, den ich auch hatte, als ich noch den offenbar gleichen gediegenen Friseur wie sie besuchte. Ideal für unsere Körperproportionen, ideal für unser Haar und nicht zu madamig und pflegeaufwendig.

Der türkische Botschafter hat mit undiplomatischen Äußerungen seinem Interviewer Freude gemacht und einen Sturm im Wasserglas ausgelöst. Die Stadt Wien tut sehr viel für türkische Migranten, sie werden in vieler Hinsicht gefördert. A. und ich waren über den eclat ja nicht erstaunt, eine Demonstration kultureller Selbstgenügsamkeit konnten wir auf einem der internationalen Wohltätigkeitsbasare beobachten, als der Botschafter mit Begeisterung die Preise zu verhandeln begann.

De schiachn degenariertn Habsburga, sagte die Person, die aus der Vermittlung von Verkäufen irgendwelcher Möbelhinterlassenschaften aus Marchfeldschlössern Prozente bekam, und die sich in Lucian Freuds Bildern wiederfand. Alle degeneriert, sagte die
rabiatkatholische Mittelschullehrerin über die großen hübschen Mädels mit den langen glänzenden Haaren, denen sie sehr gut bezahlte Nachhilfe gab. Aber als ihre Enkelin
mit einem Conte italiano befreudet war erzählte sie es stolz herum. Daß eine ihrer Schwiegertöchter eine ordentliche Professur bekommen hatte war ihr hingegen keinen stolzen Tratsch wert. Soviel zum Zauber der Blutes.

Montag, 8. November 2010


liebe Barbara,
naja zivilisatorische Güter gibts, aber zivilgesellschaftliche Verhaltensweisen sind nach wie vor lebensgefährdend. Das da oben ist übrigens Voltaire. Ich dachte den Ausdruck "Pragmatisierung" aus der K&K Beamtendiktion kennt man nur bei uns :-)Bei Ananas (die auch der Hund gern mag) muß ich immer an Uschi Glas denken, obwohl ich ohne TV lebe drang ihre Ananasdiät bis zu mir durch und auch, daß ihr Alter dann trotzdem mit einer jungen Brezelverkäuferin durchging. Vorige
Woche traf ich zwei alte Kolleginnen, Psychotherapeutinnen, und sie waren sich darin einig daß alle Männer liebesunfähig sind; Frauen seien zu Liebe und Altruismus fähig, Männer konstitutionell nicht. Wenn man unbedingt einen Mann neben sich haben will, müsse man sich damit abfinden. Also: besser gleich ordentlich essen!

Bei ganz alltäglichen Menschen, zum Beispiel älteren türkischen Opas die öfter in meinen Gruppen sind, ist mir aufgefallen daß sie sehr liebevoll, familienorientiert und aufopfernd sind.

Sonntag, 7. November 2010


Früher brachten Diplomaten und Korrespondenten Ladungen Klopapier, Waschmittel und
ähnliche zivilisatorische Güter die im Lande nicht erhältlich waren mit, es war keine beliebte Destination und das ist es auch heute noch nicht, obwohls den Zivilisationskram inzwischen zu kaufen gibt.

Die Verwandtenehe, üblich dort, wo soziale Geschlossenheit aufrechterhalten werden soll oder wo einfach keine große Auswahl an Partnern zur Verfügung steht,in abgeschlossenen Tälern, unter marginalisierten Gruppen, in Zeiten ideologischer Indoktrination nach Kriegsbedrohung...
Behinderte Kinder, überliefert nur aus Milieus, in denen Kinder gemalt (also nicht in den Hochtälern und den marginalisierten Armutsgruppen) und nicht versteckt (im aufwärtsmobilen Bürgertum) wurden.
Die positive Einstellung zu Behinderten ist bei uns grad mal 10 Jahre alt und hart erkämpft. Bis dahin standen Eltern behinderter Kinder stets unter dem Verdacht des irgendwie-selber-schuld.

Nepotismus ? Aber geh! I bin doch sooo a Rote! Mit dem K. zusammen hab ich wahlgekämpft und Zettel im Bezirk verteilt, damit mei Nichte pragmatisiert (für die deutschen Leser:unkündbar) wird, war gar nicht leicht,a so a Alleinerziehende war ihr nämlich "aus sozialen Gründen" vorgereiht.

Samstag, 6. November 2010


Und für Barbara findet sich in der Klassizismusrumpelkammer ein Beispiel dafür, daß man auch ohne Ananasdiät in die Kunstgeschichte eingehen kann.


In der Klassizismusrumpelkammer findet sich was Schönes für Maurulam!

Und dann wenden wir uns wieder dem Klassizismus zu, hier bleiben wir vorerst.
Selbstverständlich ist der Hund dabei, hier sind wir schließlich in guter Gesellschaft.