Sonntag, 31. Januar 2010


Bulgaren kommen in Wien eher auf den Chronikseiten(Einbruch und Diebstahl)vorund wenn man gebildeten Bulgaren begegnet, was nicht häufig ist, wird man sie natürlich nicht damit konfrontieren. Außerdem schieben sie Kriminalität sowieso auf die Roma. Aber was wissen wir schon von Bulgarien? So gut wie nichts, außer daß dort die Korruption blüht, uneinbringbare Kredite versickern die aus unseren Steuergeldern refinanziert werden und die Mafia fest mitmischt. Simeon und seine uneinhaltbaren Versprechungen, Rosenöl, Yoghurt, Rhodopen, Thraker, la voix bulgare die es in den 70ern zu uns geschafft haben, und die Schwarzmeerküste an die nur Ossis und Billigurlauber fahren. Also nichts. Vom bulgarisch-makedonischen Sprachenstreit in dem Griechen und Bulgaren versucht haben die kleine neue Republik (die immerhin Frieden bewahren konnte, als einzige) zu deckeln kannte ich nur den Krach mit den Griechen um die Flagge. Antitürkische Ressentiments kann man in einem Land das ständig von den Osmanen angegriffen wurde auch ohne Blick in die Wikipedia voraussetzen. Von der Gefängnisinsel Belene und den Konflikten der 80er Jahre weiß man bei uns auch nichts. Aber was für ein Lebensgefühl haben und hatten die Bulgaren? Verbündete der Deutschen im 2.WK, die Kommunisten haben immerhin an die 200 000 Menschen umgebracht, wie sich so nach und nach herausstellt, wasserdichter Stalinismus, ... ich suche nach übersetzter Literatur die mir dieses (bestimmt sehr schöne, nicht dicht besiedelte, teilweise unberührte) Land näherbringt und finde wenig. Migrantenliteratur, die schon den Blick von außen hat von Dimitri Dinev und das Globalisierungspathos Ilija Trojanows, Bedauernde Äußerungen über dich Nicht-Repräsentanz der bulgarischen Literatur im Ausland bei Freunden und Verlegern, einen provokanten Reiseroman von Sybille Lewitscharoff
und einen kuriosen Aufsatz über eine von der Theosophie beeinflußte Kulturministerin der 70er Jahre.
Erstaunlicherweise gibt es das Programm von Radio Bulgarien auf Deutsch, viel Kultur, schöne Fotos, und eine Wirtschaftsprognose für 2010.





Die Bemühungen um ästhetische Verbesserung in der Gegend sind nicht überzeugend, der Dachausbau auf einem immerhin sanierten Haus von der Sorte die in diesem Bezirk auch oft in balkanstämmigem Besitz sind, das bemalte Garagentor gehört zu einem Haus mit Eigentumswohnungen.
Im kleinen Park, es schneit dicke Flocken, zeigen die improvisierten Rodeln daß mehr Kinder da waren und auch das Bügelbrett wurde mit einem Müllsack technisch optimiert.
Wir treffen eine Mittelschichtsfamilie mit Kleinkind, das auf einer neuen Holzrodel
mit Rückenlehne sitzt; der Vater studierter Migrant, bevor das Kind in die Schule kommt wollen sie von hier ("trist, schmutzig") weggezogen sein. Ähnlich wie in London greift hier auch das Territorialprinzip bei den Schuleinschreibungen, in einem schlechten Bezirk wohnhaft kann man sein Kind nicht in eine gute Schule einschreiben lassen. Manche Leute tricksen indem sie das Kind in Schulnähe anmelden, um dem zu begegnen muß Hauptwohnsitz der Eltern im Schulbezirk nachgewiesen werden.

Samstag, 30. Januar 2010





Diese Fotos sind von Luke Powells site mit hunderten wunderbarer Fotos aus allen Teilen Afghanistans aus der Zeit von 1975 bis jetzt. Ich habe diese Fotos, die auch sehr kenntnisreich kommentiert sind, stundenlang angesehen. Jeder Depp kann schon in den Himalaya, aber Afghanistan ist das letzte verschlossene Land. Leuten die gern engagiert über Afghanistan diskutieren empfehle ich zumindest die wikipedia Seite dazu genau zu lesen.

Es ist genaugenommen der dritte Winter ohne Heizung, im Februar 06 zog ich her und die Heizung funktionierte 6 Wochen mit ständigem Wiederanzünden der Thermenflamme um im Herbst dann nicht wieder anzuspringen, auch ein hergeholter Professionist konnte nichts ausrichten. Dann muß man eben die innere Heizung mit Gewürzen und leichtverdaulicher Fettzufuhr ankurbeln. Das geht mit Ingwer, den man süß und pikant einsetzen kann und mit verschiedenen Churnas (Gewürzmischungen). Curry Masala hat durch Nelkenpulver und etwas Zimt einen süßlichen Duft, paßt gut zu Gemüsereis (aber auch zu Hühnerfleisch) und sollte großzügig verwendet und zu Beginn mit Ghee (Butterfett) oder Kokosöl angeröstet werden, Wasser, Reis (ich nehme Basmati) und Gemüse dazu, Rosinen und Mandeln passen auch sehr gut, dünsten, fertig. Im Sommer sollte man diese Gewürze aber meiden, weil sie überhitzen.


culture clashes







Auch die armen Kinder rodeln und finden ihre improvisierte Rodel beim Sperrmüll: Karton, die Wanne eines Kühlschranks, ein Bügelbrett.
Über das Zusammentreffen der Bürgerkinder mit den Straßenkindern und die Faszination die Straßenkinder für die behüteten Bürgerkinder haben kann man in den Autobiographien Sandor Marais und Mircea Eliades nachlesen.

Freitag, 29. Januar 2010




Die Krähen beobachten von oben herab, stapfen durch den Schnee und in den Büschen sitzen Meisen, als ich knipste waren sie da, aber beim Vergrößern (draufklicken) des Fotos hab ich sie nicht mehr gefunden.




Beim Gassigehen bemerkte ich daß an der Rückseite der großen Berufsschule was angebaut wurde, als die große Tür eingestzt und die Aufschrift "Brennpunkt" befestigt wurde, dachte ich aha, sozialer Brennpunkt, etwas für die vielen perspektivelosen Jugendlichen hier. Aber es ist ein stylisches Heiz-Museum, in dem es T-shirts mit dem Aufdruck "heizkörper" zu kaufen gibt.

Donnerstag, 28. Januar 2010







Übermorgen ist Vollmond, bis dahin ist es bestimmt weiterhin so kalt, wenn der Mond dann "bricht" wird es schneien. Wenn es zu Lichtmeß/Imbolc am Dienstag nächster Woche winterlich ist, kommt der Frühling bald. Heute scheinte die Sonne, und wir fanden ein bißchen unberührten Schnee.

Mittwoch, 27. Januar 2010




Beim Aldi sind die Stofftiere reduziert und der Hund bekommt eins zum Erlegen.
Zuerst wird es im Nacken gefaßt (ob Löwe, Affe oder Hase: der Hund findet immer den Nacken) und totgeschüttelt, dann aufgebissen und ausgeweidet.
Diese Stofftiere kaufe ich sonst auf Pfarrflohmärkten, auf denen Kinder ihre Stofftiere verkaufen und ich sage ihnen nicht, welches Schicksal ihre ausgemusterten Teddies und Hasen erwartet. Aber hier in der Gegend gibt es keine Pfarrflohmärkte und keine Kinder mit Kinderzimmern voller Stofftiere, sondern Gebetsräume in aufgelassenen Souterrainwerkstätten und Kinder die zu wenig Spielzeug haben.
Auf den Fotos sieht man den Laminatboden den der Vormieter, eine türkische Familie die dann delogiert wurde, verlegt hat und für den das sicher eine erfreuliche und hygienische Verbesserung war. Der Boden ist feucht wischbar und kratzfest aber kalt.

In den 70ern, bevor die Russen kamen, was gern vergessen wird weil man lieber alles den Amis anlastet, in den 70ern war Afghanistan ein Land für ethnologische Exkursionen.
Karzai, der Arzt und mit einer Ärztin verheiratet ist, bringt im Habitus immer noch diesen bunten touch. Afghanistan ist ethnisch und sprachlich gemischt und auch was die politische Identifikation der Generationsschichtung betrifft. Man kann auf Asylanten stoßen die in Rußland zur Schule gingen, auf etwas ältere die von den Russen für die Polizei ausgebildet wurden und auf junge, die etwas Englisch sprechen.

Die Kälte intensiviert sich und dauert an. Ich komme damit gut zurecht aber den armen Kurzhaarhund muß man schützen und zudecken. Die Babydecke mit dem Herzerl ist seine erste, älteste Hundedecke und wird immer verwendet um neue Situationen vertrauter zu machen, bei jedem Umzug war sie eine Hilfe. Begonnen haben wir in einer großen Neubauwohnung, die rundum von einer großen Terrasse umgeben war (damals hatten wir auch noch eine Wochenendwohnung in einer Villa in einem alten Kurort dazugemietet), über ein WG-Zimmer, das aber in einem guten Bezirk mit sauberen Parks und freundlichen Leuten lag, über ein Notquartier bei einem albanischen Hochschulassistenten, dem eine Wiener Agentur eine oberflächlichst renovierte Wohnung in einem Abbruchhaus angedreht hatte (weil seine Name so exotisch war!), dann zwei Zimmer in einer riesigen Herrschaftswohnung in Untermiete, ohne Vertrag und dann wieder ein WG-Zimmer und dann diese Sackgasse hier.
Gestern war ein Treffen von Kollegen, alle waren unzufrieden mit dem Verdienst, der Stundenlohn wurde um 3,10 € gesenkt, es gibt keinerlei gewerkschaftliche Organisierung oder Abwehr, die Jüngeren hoffen daß es nur eine Übergangslösung ist und die Älteren waren vorher arbeitslos und sind froh arbeiten zu dürfen. Man kann grade überleben aber nicht mehr. Eine jüngere Kollegin, Kunsthistorikerin kauft im Sozialmarkt ein. In den mittlerweile 6 Sozialmärkten Wiens, die enormen Zulauf haben, werden Waren am Ablaufstermin verbilligt abgegeben, Brot ist gratis. Man muß sich für die Berechtigung registrieren lassen und im Einkommen unter der offiziellen Armutsgrenze liegen. Das tun wir beide, aber ich habe den Sozialmarkt noch nicht einmal erwogen. Alles mit der Vorsilbe "sozial" ist pure Demütigung! Die Kollegin sieht das anders und ich bewundere sie dafür. Anfänglich haben in den Sozialmärkten sofort die kleinen ethnischen Händler der Umgebung Sachen billig aufgekauft (einer in der Familie konnte immer eine Einkaufsberechtigung bekomen) und im eigenen Laden dan regulär weiterverkauft. Um dem einen Riegel vorzuschieben, gibt es nun ein Limit pro Einkauf und Person.
Mit einem alten Freund, der schon sehr lange eine Professur hat und ein interationales Forschungsinstitut leitet, habe ich darüber gesprochen, er sagt es sei für ihn schon vor Jahren absehbar gewesen, daß zwei, drei meiner Berufsentscheidungen mich ins Prekariat abdrängen könnten. Es stimmt, ich habe ein paar seiner Ratschläge nicht befolgt und er hat Recht behalten.

Dienstag, 26. Januar 2010


Frau Minister Karl nach der ersten Pressekonferenz. Eine overachieverin.

Was ist an dem Bild besonders? So sehen aufgespritzte Lippen und die typische operierte Nase (an den verkleinerten Nasenlöchern erkennbar) aus. Es ist ein Transgender-Portrait aus der Presse. Transgender Prostitution (in den romanischen Ländern aber auch in der Türkei bereits lang bekannt und häufig) ist nun auch bei uns ein geläufiges Phänomen. Die Transgenders (in der Regel von Mann zu Frau) kommen aus Rumänien und bulgarien und haben höhere Tarife. Bisher habe ich eine transgender person und eine queer person (läßt sich nicht auf ein Geschlecht festlegen) kennengelernt. Beide leben und agieren im Kunstmilieu, das Schutz und Freiraum bietet. Bei der queer person, die ich schon als KunststudentIn kannte und die erst nach einigen Jahren in London zu einer queer identity gelangte, habe ich das Gefühl, daß die selbstverständliche Ambiguität männlicher und weiblicher Anteile in jedem Menschen überinszeniert wird. Bei der transgender person ,die sehr sensibel und intellektuell ist und im Gespräch einfach ein vielseitiger interessanter Mensch, schmerzt auch die Verkleidung als ungeheuer machtvoll kokette Frau, als Überdrüber-Verführerin. Es ist, als bekäme die weibliche Koketterie noch einen sieghaft dominanten männlichen Antrieb. Allerdings ist diese Person im Alltag nicht aufgetakelt sondern unauffällig wie eine Frau mit etwas maskulinen Gesichtszügen.
Wenn diese transgender person als schöne Frau auftritt ist sie in keiner Weise überdekoriert (also keine drag queen) sondern perfekt und vereint triumphal den Narzißmus beider Geschlechter. Noch ist sie jung genug sich immer wieder an Verwunderung, Bewunderung, Begehren weiden zu können. Die Reduktion der Identität auf sexuelle Identität ist bei den transgender Prostituierten (die in einer Art narzißtischem Dauer high agieren) am stärksten, aber auch bei der anderen Person
spürbar. Es ist, als würden diese Menschen ihr gesamtes Alltagsleben wie die Darsteller der chinesischen Oper in Masken von Typisierungen zubringen müssen.

Aber die Optimierung zum Idealtypus ist doch alltäglich, zwar lassen wir uns nix wegschneiden oder absaugen oder einsetzten, aber wir zupfen die Brauen in Form, rasieren die Achselhöhlen, präsentieren ein vollständiges Gebiß und mitunter ewig blondes Haar. Vor der Chirurgie wurde geschnürt und gestopft, cul de Paris und Pepi,
Kothurn und Tatou - dazu noch all die Ethno-Verformungen vom Lippenpflock zum durch Reifen überlang gedehnten Hals...Bei Frauen aus dem Libanon und bei jungen Iranerinnen ist die operierte Nase das, was bei uns die gezupften Brauen sind, selbstverständlich. Nur Exzentrikerinnen laufen mit Adlernasen und buschigen Brauen wie der Weihnachtsmann herum. Dazu kommen noch die geklebten Nägel, alles ungesund, mit maintenance costs verbunden und ein sozial diskriminierendes Kennzeichen für Frauen, die zu viel Zeit und keine praktischen, mit einem angesehenen Beruf (keine Ärztin trägt Kunstkralle) verbundenen Erfordernisse haben. Für die Psychologie eröffnet sich ein weiteres Beratungsfeld, an einer Privatuni hier wird das gelehrt, es gibt dort auch eine Beratungsstelle für Leute die eine Schönheitsopertion planen oder bei denen eine schiefging, schließlich will man von dem Geld das hauptsächlich leider immer zum Arzt getragen wird doch ein wenig mitschneiden.

In den Zeitschriften, die man in Bioläden bekommt, werden seit einiger Zeit Kokosöle zum Essen, aber auch für Massage und Kosmetik beworben, unter anderem auch ein rotes Kokosöl. Gestern habe ich beim Aldi billiges Kokosfett für die Vögel (man sollte es schmelzen und dann Körner darin einbetten und wieder hart werde lassen, so wie AOEA das mit richtigen Kokosschalen macht) gekauft und dann (weil es gut roch und fein auf der Hand schmolz) ein Sojaschnitzel darin gebraten, das besonders schnell knusprig wurde und sehr gut schmeckte. Mit so einem Kokosfettblock kann man aber auch Hundepfoten gut einölen, auch die eigenen Ellbogen, Knie, Füße und Hände und es ist das Allerbeste für die Haare. In Indialäden bekommt man parfümiertes Kokosöl für die Haare. Kokosöl im Essen führt zu Gewichtszunahme, äußerlich angewandt kann es bei Sonnenbrand und bei juckender Haut helfen. Ich hatte einen Klienten, der stark zuckerkrank war (sehr viele Migranten werden bei uns nach einiger Zeit zuckerkrank,
auch sehr magere Leute, bei denen man diese Diagnose nicht erwartet) und unter juckender Haut litt. Ein pures Biokokosöl half umgehend und es ist etwas, das er sich weiterhin selbst kaufen kann.

Was sagt Maurulam zu Kokosöl?

Montag, 25. Januar 2010


Heute bei Aldi einen Arm voll Tulpen gekauft, weil sie mich an die (verstorbene, eigentlich schreckliche) Mutter einer Freundin erinnerten, die uns einmal ganz unerwartet Geld geschenkt hatte, damit wir uns im Winter Tulpen kaufen sollten "das braucht man einfach im Winter". Ich wollte die Sträuße denjenigen Leuten hier im Haus schenken, die nett bzw. halbwegs nett waren und nicht auf den Hund losgingen. Ich brachte aber nicht alle Sträuße an. Zwei dieser Hausbewohner haben, obwohl sie (an den erleuchteten Fenstern erkennbar) zu Hause waren, nicht die Tür geöffnet. So ein abweisend-mißtrauisches Verhalten ist typisch für so ein Unterschichthaus, auch daß die meisten keinen Namen an der - ohnehin defekten - Torsprechanlage, an der Wohnungstür, sogar an den Hausbriefkästen haben. Wenn man ein junger provinzieller Nestflüchter ist mag das ja attraktiv sein, Großstadt, untertauchen, Anonymität. Aber es ist doch vor allem Verwahrlosung. Jetzt stehen die Tulpen bei mir, riechen ein bißchen krautig und erinnern mich an die Tulpen bei David Hockney.

Die neue Wissenschaftsministerin und ihr Ernenner. Immerhin war sie vorher schon o.Prof. hat einige vernünftige Sachen gesagt und hätte politische Ämter eigentlich gar nicht nötig.

Sonntag, 24. Januar 2010



Glücklicherweise gibt es Meisenknödel zum Aufhängen, fettumhüllte Haferflocken und Sonnenblumenkerne zum Streuen im Supermarkt. Ich bin nicht die Einzige die füttert,
mehrere Menschen tun dies das ganze Jahr hindurch und wahrscheinlich ist es nur ihnen zu verdanken, daß in dem Park gegenüber neben vielen Krähen und Tauben auch noch ein paar Singvögel leben. Auch für die nächste Woche ist Frost prognostiziert.
Wenn es so kalt ist soll man ein bißchen Ingwer (im Tee, im Kaffee, in der Suppe, im Dessert, z.B. Topfen mit Ingwer, Zitronensaft und Honig verrühren) zu sich nehmen; in den anderen drei Jahreszeiten sollte man ihn nur dann verwenden, wenn man seine dosha-Konstitution gut kennt (Zornbinkerln werden sonst noch zorniger, aber Ingwer hilft auch phlegmatischen Molligen beim Abnehmen). Vinod Verma, eine energische kleine pitta-Dame aus Nordindien, die promovierte Pharmazeutin und Biochemikerin ist und in Frankreich und Deutschland in diesen Bereichen gerbeitet hat, ist meine Ayurveda-Gewährsfrau. Die Hochglanz-Ayurveda-Bücher deutscher Autoren vermeide ich und bin ganz glücklich daß ich ihr Buch (das ich in der englischen Version besaß und verlor) nun sogar übersetzt bei einem Resteseller wiedergefunden habe. Frau Dr. Verma erklärt den traditionellen spirituellen Hintergrund schlicht und matter of factly.

Samstag, 23. Januar 2010



Mit Weleda läßt sich der Winter gut aushalten, daß es keine Heizung und kein Warmwasser gibt ist für mich das geringste Problem, den Traditionshütern der Anthroposophie bin ich jedesmal dankbar, wenn ich zu einer Weleda-Tube greife.
Für Blumenzwiebeln, die sonst über den Spätwinter helfen, ist hier einfach kein Platz,leider. Also mußte ein aufmunternder Gebrauchsgegenstand her und der fand sich bei den Sikh am Markt: eine (maschinen)bestickte Stofftasche. Obwohl ich sonst nur Rucksäcke verwende hat sich dieser Umhängebeutel sehr bewährt, hängt gut, ist leicht,faßt viel und hat trotz der Spiegelchen bereits einen Wollwaschgang samt Schleudern unbeschadet überstanden.Der Abschied von den Lederhandtaschen fiel mir leicht, mit dem Hund an der Leine wären sie unpraktisch und solche die mir wirklich gefielen (gut gearbeitet und ewig haltbar) kann ich mir nicht mehr kaufen.
Das subjektiv Gute an der Globalisierung (die ich eigentlich für ein unglückliches Irren und Wandern halte) ist, daß Indien und seine Menschen näher gerückt sind. In dem FAZ-blog "Stützen der Gesellschaft" wird immer wieder über Eliten, Distinktion, Vornehmheit etc.geredet und ich denke, daß ich wohl Leute meiner Generation und auch jüngere kenne, denen ich Vornehmheit attestieren würde (die natürlich keine der Herkunft, sondern eine der Haltung ist) aber daß nur Sikh imstande sind arm und vornehm zu sein. Der junge Mann von dem ich die Tasche kaufte war ruhig, aufrecht, gemessen, freundlich wie es in Europa nur Menschen sind die eine große Tradition im Rücken und eine gewisse Unabhängigkeit haben. Es ist eine schreckliche Ironie daß gerade die Zeitungen (und die Journalisten und Herausgeber sind die allergrauslichsten Selbstverbieger und Prestigesucher) Sikh unter ganz miserablen Bedingungen und unter Umgehung aller arbeitsrechtlicher Absicherungen als Straßenkolporteure hierher geholt haben.

"Wer allein isst, verliert die Munterkeit" steht unter diesem Bild, das Kants Runde in Kaliningrad/Königsberg zeigt (Quelle: wie so oft H.-J. Syberberg) und man sollte noch ergänzen "und den sozialen Schutz". Deswegen gibts hier oft und viele Gäste, einen zweiten Computerarbeitsplatz, tapfere Übernachter und einen Kreis juristischer Unterstützer die Haus und Wohnung und die Verhältnisse hier in Augenschein genommen haben. Wenn man viel Besuch hat, bloggt man beinahe automatisch weniger und in Zukunft möchte ich meine Erfahrungen und Überlegungen auch in einer sozial wirksameren Form verwerten.

Ich weiß noch wie überrascht und ungläubig wir waren, als wir erfuhren daß Favelas nicht "einfach so" von den armen Zuzüglern selbst auf Brachen gebaut werden, sondern daß die Hütten Besitzer und Vermieter haben, die dadurch zu Mieteinnahmen kommen und diese mit Gewalt eintreiben bzw. eintreiben lassen.

Die europäischen Verhältnisse haben sich in den letzten zwei Jahrzehnten völlig verändert, hatten wir bis dahin die Illusion in die Endphase der Moderne eingetreten zu sein, mit einer Skandinavisierung der Sozialgesetzgebung und einer nie vorher gekannten Begradigung und Ausgleichung der Kluft zwischen arm und reich, so können wir Moderne, Sozialstaat,Interessensausgleich und Anhebung der Unterschicht zum Kleinbürgertum vergessen. Die Landflüchtigen der Türkei und die Wirtschaftsflüchtlinge des ehemaligen Ostblocks bilden eine neue Unterschicht mit allen damit verbundenen Problemen von Gewalt, Kriminalität und Erosion vorhandener Rechtsstandards. Leuten um die dreißig fällt das nicht auf, sie sind bereits mit dem Anblick Obdachloser, mit schulischer Segregation und mit dem Vermeiden bestimmter Straßen und Lokale aufgewachsen, während wir Älteren uns noch an eine Stadt ohne Obdachlose und Bettler, mit geringer Kriminalität und einer guten öffentlichen Schule, in die man seine Kinder gern schickte, damit sie Realität und soziale Unterschiede kennenlernen, erinnern. Keines der Kinder aus meinem Freundeskreis war in einer "normalen" öffentlichen Schule. Ein junger Mann (jetzt Mitte 20) war in der ersten Ganztagsgesamtschule im benachbarten Problembezirk und lud Schulkollegen zu sich nach Hause ein, die dann ein paar Tage später über ein ins Stiegenhaus führendes Fenster einbrachen und seine interessanten technischen Spielsachen holten, sie waren zwischen 11 und 12 Jahren alt, wurden dann von Sozialarbeitern betreut und begannen als nächstes zu rauchen und in Supermärkten bunte Schnäpse zu klauen; daraufhin beschlossen die Freunde für ihr Kind einen Schulwechsel.
Österreich war - ungleich Italien, oder England und Frankreich - ein sozial integriertes Land, ohne unüberbrückbar große Kluft zwischen arm und reich, ohne organisierte Kriminalität, und ohne eine chancenlos abgehängte Unterschicht.Auch für die Oberschicht galt ein Verhalten gegenseitiger sozialer Identifikation das absolute Abgrenzung ausschloß. In den romanischen Ländern war das - trotz katholischer Kirche - immer schon anders, ich habe das schon über das Verhältnis zu den Dienstboten beschrieben. Diese soziale Desidentifikation sehen wir aber hier sich nun auch breitmachen: soziale und ethnische Gruppen leben ohne den geringsten kommunikativen Kontakt parallell, Schwarzarbeit zu vor dem Fall der Ostgrenzen undenkbaren Bedingungen ist alltäglich geworden.