Freitag, 30. April 2010


Mit Syberbergs Bild von seinem Münchner hortus conclusus schließt das kleine Winterblog. - B. aus Brüssel fand noch Zeit herzukommen und sich ein Bild von der
Situation zu machen.

Donnerstag, 29. April 2010

Dienstag, 27. April 2010




Wenn die kleinen Gewerbebetriebe im Bezirk schließen sind die Lokale nur schwer wiedervermietbar. Hier gedeihen KFZ-Werkstätten, türkische Läden und Kaffeehäuser,
und dann nur noch Tschecherln, Straßenpuffs (Animierlokale gabs da immer schon, das Gewerbe ist ortstreu )und Kreditvermittler: die "Anarchie der Vorstadt" eben. Sogar einen Robin Hood, den Schani Breitwieser, gabs hier mal!

liebe Barbara1, um Deine Reise zu ergänzen, noch in der Stadtbücherei nach "Wien um 1900" und "Wiener Moderne" sehen.


Das war der rosig angestrahlte Abendhimmel von gestern, der einen schönen Dienstag versprach. Und der Tag war auch wirklich schön. Frühling und Spätfrühling, der in den letzten Jahren rasch in den Sommer überging, sind die beste Zeit in Wien. In den grünen Randbezirken blüht und duftet jetzt alles. Das ganze üppige Kulturprogramm steht zur Auswahl, das im Sommer viel spärlicher und auf Massentourismus (open air Opern auf Großleinwand, z.B.) ausgerichtet ist.




Gassigehen und mal ein paar unbekannte Straßen entdecken. Die Architekten der älteren, sorgfältig renovierten, Gemeindebauten waren bestrebt die Fassaden ästhetisch zu gestalten; die kleinen Balkone werden von den Bewohnern aber, obwohl sie in eine ruhige, helle Seitengasse gehen, nur als Abstellplatz genutzt. Kein Blümchen. Da freut man sich dann, wenn man - völlig unerwartet - ein begrüntes Haus und eine liebevoll für Bepflanzung genutzte Ecke sieht.







Gassi im Park gegenüber (also der, den ich nicht sehen kann, für dessen nicht konsumierbaren Anblick ich aber eine erhöhte Richtwertmiete bezahle) der vormittags leer ist, bis auf die umgitterten Ballspielplätze, die der Schule am Park auch als Sportplatz dienen. Die ausgespuckten Schalen der Sonnenblumenkerne ärgern die Indigenen am meisten.

Aber auch in Wien hat die Sozialdemokratie viele Bäder (Tröpferlbäder, für Leute wie mich), Freibäder und Hallenbäder errichtet und man kann art deco Reste sehen.Und es gibt heute noch Nacktschwimmtage! Wie muß das im Ständestaat schockiert haben! noch heute ist vom Kulturkampf christlich-kleinbürgerlich gegen "mit uns geht die neue Zeit" Einiges zu spüren...

Liebe Barbara1, diese Woche sollen die Temperaturen bis auf 28 Grad steigen, da mußt Du ins Strombad Kritzendorf, auch so ein art deco Juwel!

Lieber Hermann, ja, gut möglich, daß die Familie Tschundyk sich noch in einem Sommer in dem die Mißernte und das darauf folgende Pogrom schon absehbar waren, auf den Weg nach Wien gemacht hat. Wien, mit Religionsfreiheit, einer großen jüdischen Gemeinde, jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen und einer insgesamtwachsenden Bevölkerung, großer Bautätigkeit, dieses Wien schien vielen ein rettender Hafen, in dem sie zumindest vor Verfolgung sicher wären. Die Neuankömmlinge schlugen sich als Arbeiter, Handwerker, Altwarenhändler und Hausierer durch und versuchten ihren Kindern Bildung und eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Vielen war der soziale Aufstieg gelungen: etliche Anwälte, Apotheker und fast alle Militärärzte waren aus jüdischen Familien.
Vielleicht lassen sich die Spuren der Tschundyks noch finden; die Namen der Wiener Holocaustopfer wurden rekonstruiert und hier weiß man Bescheid über Quellen.
Zu Deiner ersten Frage: ja, spätgotische Kirchen wurden des öfteren über zerstörten Tempeln errichtet (z.B im Bistum Trier).

Das Weglaufhaus, ein Projekt der Vinzentiner und einer Sponsorenfamilie.

Montag, 26. April 2010



Für Barbara1 ! noch mehr Wiener Sphingen...

Mein Lieblingspashmina, immer hab ich die Biedermeierportraits mit den schönen orientalischen Schultertüchern bewundert und eines Tages ganz unerwartet eines bekommen. Aus Brüssel, von wo B. verschwörerisch anruft und und ein Treffen mit mir ausmacht. Er bringt pommes frites aus Brüssel mit. Sie werden zwar schon kalt sein, aber trotzdem köstlich. Die EU-Spesenesser in Brüssel bekommen stets entrecote, Bries und Lachs vorgesetzt. Da werden noch ein paar Creutzfeld-Jakob-Fälle ans Tageslicht kommen, scherzen wir. Dieses aus dem Karton essen ist unsere gemeinsame Unabhängigkeit von Alter und von Statusgetue; ich kenne eigentlich sonst niemanden der sich das bewahrt hat und B. sagt, er kenne außer mir auch niemand. B. war - wie sein Vater - ein workaholic als wir uns kennenlernten und ist auch heute noch so. Er hat nie Zeit, nimmt sich aber die Mühe und die Zeit für unser gemeinsames Frittenessen im Auto. Wir essen die Fritten nämlich im Auto, das uns auch irgendwie vom Zeitstrom abschließt, in dem wir ältere Leute und keine vergnügten Zwanzigjährigen wären.

Sonntag, 25. April 2010










Warmer, sonniger Sonntag! Sandalenwetter. Wahlbeteiligung sehr niedrig! Alles, alles strebt ins Freie. Der Park gegenüber blüht, der Kindespielplatz ist voll, die Mamas sitzen rundum und essen geröstete Kichererbsen und Sonnenblumenkerne. Ein Stück der nahen Blumengasse ist abgesperrt, es gibt Musik, man kann auf der Straße sitzen, plaudern, spielen, die Beete und die künstlerischen Interventionen bewundern. Schöner wird es hier nicht mehr, deswegen Schluß mit der Bezirksberichterstattung! - Die Wahlergebnisse nach Bundesländern: in Vorarlberg ist man eher konservativkatholisch als national, aber überall sonst ist es umgekehrt.

liebe Barbara2,
die Pelargonienzweiglein im Wasser (auch noch nicht eingetopft) haben auch eine Knospe gebildet! - Warum Interesse für jüdisches Leben in Wien: heute ist bei uns Bundespräsidentenwahl, es gab eine Kandidatin der alten Rechten, die erst über Intervention der auflagenstärksten Tageszeitung (die berühmte Kronenzeitung) zu einer Absage an eine Lockerung der "Wiederbetätigungsgesetze" (strenge Gesetze gegen nationalsozialistische Wiederbetätigung) gebracht werden konnte. In Ungarn ist heute der zweite Wahldurchgang, der Orbans Partei wahrscheinlich die absolute Mehrheit und die Möglichkeit zur Verfassungsänderungen bringen wird. Ökonomische Verbesserungen für die verbitterte Bevölkerung wird Orban realistischerweise nicht zuwegebringen können, also besteht die Gefahr in anderer Weise der Massenpsychologie zu entsprechen. Und auch bei uns zeitigt Globalisierung unangenehme Folgen für Leute, die schlichte Gegner suchen.

Samstag, 24. April 2010



Im Beserlpark zwischen Sozialamt und Markt blüht schon der Flieder, alle Orchideenknospen haben sich geöffnet, keine Blüte fiel bisher ab, und die Pelargonienzweige, die ich noch immer nicht ordentlich eingetopft habe, zeigen eine Blütenknospe, trotz Nordfenster. - Lektüre: Silvia Bovenschen, Älter werden, und Christine Sauzay, Retour a Berlin, ein deutsches Tagebuch, beide 1947 geboren.
Sauzay begründet die Bereitwilligkeit der Französinnen, ihre Kinder in die Krippe, in (für uns) fremde Hände zu geben mit "Sozialisieren, den Kindern Abwechslung bieten" aber sie hat (obwohl sie dann Schröders außenpolitische Beraterin wurde) einen ganz konservativ-nüchternen Blick auf die Wiedervereinigung und auf den doppelten Verlust, den jene Preußen erlitten, die sich gegen Hitler gestellt hatten.


An den Stellen wo Synagogen zerstört wurden verblieb Stadtbrache, die in den 50ern und 60ern dann oft mit Gemeindebauten überbaut wurde. - Etwa 160 000 Juden hatten 1938 in Wien gelebt; es gab, Zeichen der großen Armut, 119 jüdische Hilfsorganisationen, Kindergärten mit freiem Essen, Suppenküchen, Wärmestuben, Waisenhäuser und eine Gratismensa für Studenten, die täglich 500 arme Studenten verköstigte.

Freitag, 23. April 2010




In dem kleinen Buch "Wiener Einstellungen" aus dem Wieser Verlag sind 146 Fotos von Lisl Ponger (die Schwester des Jazzpianisten Peter Ponger) und Texte von Felicitas Heimann-Jelinek, die 1972 das erste jüdische Museum in Eisenstadt im Burgenland gründete. Es sind Fotos von Synagogen, Friedhöfen, Schulen, Heimen, bzw Fotos von den Plätzen an denen Synagogen, Schulen und Heime gestanden haben. Aufgeschlagen habe ich zwei Seiten, die Bezug zum Bezirk hier haben: im 15.Bezirk, einem kleinbürgerlich-ärmlichen Bezirk mit überwiegend migrantischen Bewohnern, der ganz nahe, über dem Wienfluß, liegt, gab es eine jüdische Gemeinde mit Synagoge und Thoraschule und auch ein Waisenhaus, das der Industrielle Baron Springer, in dessen Villa die Konservativen heute ihre Parteiakademie haben ( um Nicht-Verbauung der Parkreste kämpfen die Grünen im Bezirk) gestiftet hatte. Für den gemeinen Wiener sind Juden stets reich und reich gewesen. Tatsächlich waren die Neuzuwanderer aus Rußland und Polen überwiegend sehr arm, es gab eine jüdische Arbeiterbewegung und viele jüdische Arbeiterfamilien in den modernen Gemeindebauten der 20er Jahre. Daß auch sie von ihren Nachbarn im Gemeindebau an die Nazis denunziert und ermordet wurden, ist erst ganz spät erforscht und dokumentiert worden.

Donnerstag, 22. April 2010





In der Blumengasse wird weiter gepflanzt, gegossen und kleine Zäune gegen die Hunde werden aufgestellt. Die junge Architektin, die mit der Initiative begonnen hat, zeigte mir heute ihren schön bepflanzten Hof, eine alte Hinterhofwerkstatt ist ihr Atelier. Obwohl sie sich (das Haus gehört ihr zur Hälfte) so gut einrichten konnte und die Blumengasse überdies eine ganz ruhige Gasse ist, findet sie das Viertel auch trist. - Offenbar kann man zu unbefriedigenden Umständen nur dann eine distanzierte Haltung einnehmen, wenn man entweder über zusätzliche andere Erfahrungen oder über mögliche Alternativen verfügt. Ansonsten gibt es eine Identifikation mit dem Vorgefundenen. Um Positives in Gang zu bringen braucht es doch die wohlwollende Patronisierung durch Bildungsbürger.

Dienstag, 20. April 2010


liebe Barbara1,
HG hab ich überhaupt erst durch Dich kennengelernt und ihr Kinderbuch gleich weiterempfohlen. Die Bachmann-Wettbewerbe verfolge ich kaum, ich habe aber jetzt ihren Text gelesen und denke, daß sie, wie die meisten Teilnehmer an diesem Bewerb, Extremsituationen beschreibt. Wer kennt solche Situationen schon, wer kann sie beurteilen ? - Zeitgenössische österreichische Literatur lese ich kaum. Ich lese meist nicht mit einem literarischen, sondern mit einem soziologischen oder historischen Interesse und die österreichischen Lebensbedingungen dieser Generation kenne ich ja.

Ja, das Kinderbuch finde ich großartig, auch die Art, den Kindern zu solchen Äußerungen Mut zu machen! Aber den Text zum Bachmann-Wettbewerb halte ich für emotionale Fiktion. Es gibt einige Autorinnen dieser Altersgruppe, z.B.Lilian Fasching, auch eine Kärtnerin. Psychologisch aufschlußreich waren die Berichte über sehr schwierige Elternbeziehugen, bei Josef Winkler, auch ein Kärntner, und bei Waltraud Anna Mitgutsch.

Liebe Barbara1,
als ich mein ursprüngliches Hauptfach Psychologie fertighatte, machte ich ein längeres Praktikum in der Klinik Binswanger in Kreuzlingen; dort gab es eine Abteilung ohne Tür-und Fensterschnallen mit schwer depressiven Frauen, die tagsüber zusammensaßen und unglaublich schnell strickten, nur um das Gestrickte dann wieder aufzutrennen. Diese Destruktion tat schon beim Zusehen weh, und ich bewunderte die Geduld der Kunsttherapeutin (es waren dort verschienene therap. Richtungen vertreten, aber vor allem Jungianer) die immer wieder zum "machen" einlud und ständig mit geballter Negativität konfrontiert war. Meine Mutter, die die Schweiz gut kannte, hatte mir schon prophezeit, daß ich in dieser teuren Privatklinik vor allem abgeschobene Ehefrauen vorfinden würde und das stimmte - für diese schwer depressiven Frauem im Klimakteriumsalter - tatsächlich, das Psychische war eng mit dem Sozialen verschränkt. Es gibt natürlich auch eine Art Widerstand, sich in diese Autodestruktion einzufühlen, deswegen stößt der Text von HG auch die Literaturkritiker(und mich)ab. - Nach diesem Praktikum war mir klar, daß ich auf keinen Fall klinisch arbeiten wollte; schon in diesem Sanatorium für Privilegierte
zeigte sich, wie unbefriedigend und wenig Erleichterung schaffend die therapeutischen Interventionen für die Patienten waren. Zudem waren wir damals alle von Basaglia und der Antipsychiatrie eingenommen. Immer wenn ich heute auf postpsychiatrische Fälle treffe (oft unter Obdachlosen) denke ich, daß auch der "Tod der Klinik" seinen sozialen Preis hat.
Da Dich die literarische Verarbeitung psychischer Extremzustände interessiert,
weden die (späteren) Texte von Brigitte Schwaiger für Dich vielleicht auch aufschlußreich sein.
Übrigens bin ich leider noch immer nicht dazugekommen, anthroposophische psychiatrische Literatur (F.Husemann) zu lesen.

Es gibt noch einen schriftstellernden Kinderanalytiker-und Psychiater in Wien, Paulus Hochgatterer, sein letztes Buch "Das Matratzenhaus" handelt von mißbrauchten Kindern.

liebe Barbara1,
es gab von Dir vor Deinem letzten noch einen Kommentar, den ich freigeschaltet habe, der aber nicht aufscheint, leider!
Gute Fallbesprechungen waren immer in der "Psyche" und bei der Züricher Gruppe (Morgenthaler, Parin).
Danke für Deine Geduld! Lieben Gruß!


Aoea hat gesagt"Wie schön diese Kastanien schon sind! hier beginnt es erst und--vor allem--haben fast alle Kastaniernbäume, ob in Privatgärten oder als Alléebaum, eine Krankheit: nach kurzer Zeit beginnen die Blätter frühzeitig zu "altern", sie werden an den Rändern braun, rollen sich zusammen und fallen dann herbstlich ab, das meist schon Mitte Juni.. Es kommt dann vor, dass der Baum neue Triebe produziert, die dann wieder "von vorne an beginnen:, treiben neue Blätter, Blüten und dann wieder schnell das "Altern"...
Es scheint dass diese Krankheit durch eine Bakterieninfektion mit Pseudomonas syringae hervorgerufen wird. Bis heute sind Herkunft und Ausbreitungswege der neuen Krankheitserreger unbekannt. Eine internationale Arbeitsgruppe forscht nach den Ursachen. In den Niederlanden wurden bereits im Jahr 2002 Symptome an Rosskastanien entdeckt. Inzwischen ist die Krankheit von internationaler Bedeutung, denn auch Belgien, Frankreich und Großbritannien melden Befall.
Zurzeit gibt es zur Bekämpfung der neuen Rosskastanienkrankheit keine direkten Maßnahmen. Mit Hilfe sorgfältiger Hygienemaßnahmen kann die Verbreitung der Bakterien und Pilzerkrankungen, die an den geschwächten Bäumen auftreten, eingedämmt werden. Eine Möglichkeit ist das Desinfizieren der Schnittwerkzeuge, um einer Verschleppung der Erreger vorzubeugen.
Ich beobachte verschiedene Alleebäume schon seit 3 Jahren: sie gehen zwar nicht ganz ein, rappeln sich immer wieder so durch, aber „gesund „ werden sie nicht..
Schade!
Weitere Informationen:
http://www.landwirtschaftskammer.de/landwirtschaft/pflanzenschutz/oeffentlichesgruen/kastanienbluten.htm"

liebe Aoea,
unmittelbar neben den grünenden Kastanienbäumen stehen solche, die nur kümmerlich Blätter bilden. Das große Problem bei uns ist die Miniermotte.