
liebe Barbara1,
HG hab ich überhaupt erst durch Dich kennengelernt und ihr Kinderbuch gleich weiterempfohlen. Die Bachmann-Wettbewerbe verfolge ich kaum, ich habe aber jetzt ihren
Text gelesen und denke, daß sie, wie die meisten Teilnehmer an diesem Bewerb, Extremsituationen beschreibt. Wer kennt solche Situationen schon, wer kann sie
beurteilen ? - Zeitgenössische österreichische Literatur lese ich kaum. Ich lese meist nicht mit einem literarischen, sondern mit einem soziologischen oder historischen Interesse und die österreichischen Lebensbedingungen dieser Generation kenne ich ja.
Ja, das Kinderbuch finde ich großartig, auch die Art, den Kindern zu solchen Äußerungen Mut zu machen! Aber den Text zum Bachmann-Wettbewerb halte ich für emotionale Fiktion. Es gibt einige Autorinnen dieser Altersgruppe, z.B.Lilian Fasching, auch eine Kärtnerin. Psychologisch aufschlußreich waren die Berichte über sehr schwierige Elternbeziehugen, bei
Josef Winkler, auch ein Kärntner, und bei Waltraud Anna Mitgutsch.
Liebe Barbara1,
als ich mein ursprüngliches Hauptfach Psychologie fertighatte, machte ich ein längeres Praktikum in der Klinik Binswanger in Kreuzlingen; dort gab es eine Abteilung ohne Tür-und Fensterschnallen mit schwer depressiven Frauen, die tagsüber zusammensaßen und unglaublich schnell strickten, nur um das Gestrickte dann wieder aufzutrennen. Diese Destruktion tat schon beim Zusehen weh, und ich bewunderte die Geduld der Kunsttherapeutin (es waren dort verschienene therap. Richtungen vertreten, aber vor allem Jungianer) die immer wieder zum "machen" einlud und ständig mit geballter Negativität konfrontiert war. Meine Mutter, die die Schweiz gut kannte, hatte mir schon prophezeit, daß ich in dieser teuren Privatklinik vor allem abgeschobene Ehefrauen vorfinden würde und das stimmte - für diese schwer depressiven Frauem im Klimakteriumsalter - tatsächlich, das Psychische war eng mit dem Sozialen verschränkt. Es gibt natürlich auch eine Art Widerstand, sich in diese Autodestruktion einzufühlen, deswegen stößt der Text von HG auch die Literaturkritiker(und mich)ab. - Nach diesem Praktikum war mir klar, daß ich auf keinen Fall klinisch arbeiten wollte; schon in diesem Sanatorium für Privilegierte
zeigte sich, wie unbefriedigend und wenig Erleichterung schaffend die therapeutischen Interventionen für die Patienten waren. Zudem waren wir damals alle von Basaglia und der Antipsychiatrie eingenommen. Immer wenn ich heute auf postpsychiatrische Fälle treffe (oft unter Obdachlosen) denke ich, daß auch der "Tod der Klinik" seinen sozialen Preis hat.
Da Dich die literarische Verarbeitung psychischer Extremzustände interessiert,
weden die (späteren) Texte von
Brigitte Schwaiger für Dich vielleicht auch aufschlußreich sein.
Übrigens bin ich leider noch immer nicht dazugekommen, anthroposophische psychiatrische Literatur (F.Husemann) zu lesen.
Es gibt noch einen schriftstellernden Kinderanalytiker-und Psychiater in Wien,
Paulus Hochgatterer, sein letztes Buch "Das Matratzenhaus" handelt von mißbrauchten Kindern.
liebe Barbara1,
es gab von Dir vor Deinem letzten noch einen Kommentar, den ich freigeschaltet habe, der aber nicht aufscheint, leider!
Gute Fallbesprechungen waren immer in der "Psyche" und bei der Züricher Gruppe (Morgenthaler, Parin).
Danke für Deine Geduld! Lieben Gruß!