Mittwoch, 29. Dezember 2010





Es ist eisig kalt, keine Sonne, die Frequenz der Kracher steigt. Aber ich habe meine Weihnachtspackerl abgeholt und freu mich an Büchern und Musik, blättere im neuen Biedermeierbilderbuch, esse Radieschen aus Parma (verrückt, kaum umweltverträglicher als Obst aus Übersee) und packe die Hyazinthenzwiebeln vom letzten Jahr aus: und sie haben schon angetrieben!!
liebe Barbara,
ich hatte die Zwiebeln in den Töpfen in einen luftdurchlässigen papiersack gesteckt
damit sie nicht schimmeln und in ein dunkles Eck verräumt; ich war sehr überrascht daß sie trotzdem schon angetrieben hatten! Die orchideen die bei mir Knospen angesetzt haben entwickeln sich langsam aber stetig, während manche Knospen der neu gekauften bereits abfallen. Wahrcheinlich vorm Verkaufen mit Dünger gepuscht, bei mir ist es zu kalt und zu wenig hell, aber die alten pflanzen sind das schon gewohnt.
Die Packerln: man feiert ja in der engsten Familie und allen anderen bringt man das Packerl eben vor Weihnachten. Und ein paar bekam ich per Post, die habe ich nach Weihnachten abgeholt.


liebe Maurulam,
- zum Kartoffelsalat: es ist unser Kinderkartoffelsalat, mild und frisch, ohne Zwiebel den wir als Kinder nicht mochten. Unsere Kindheit fiel ja noch in die Nachkriegszeit und zu Kinderfesten gab es Bisquit mit kakao und den milden Kartoffelsalat. Winzige Frankfurter Würstchen bewunderten wir auf dem Fest anderer Kinder (Papa Primar). Zu naschen gabs nur Marmelade, Kochschokolade und Rosinen, aber heute noch essen wir unser nursery food mit Vergnügen!
- zu Frau Tamar: der Name ist in Georgien üblich, am besten Du fragst Frau Tamar woher sie kommt und als was sie sich versteht.
- zu meinen Zukunftsplänen: die gibts, aber das Internet ist eine sehr spezielle Form von Öffentlichkeit und deswegen erörtere ich sie nicht hier.
Dir alles Liebe und Gute,
mögen viele Deiner Wünsche im Neuen Jahr in Erfüllung gehen!

Dienstag, 28. Dezember 2010


1944-2010

liebe Barbara,
das ist Peter Kreisky, er ist am Wochenende verstorben.
Hier ein Nachruf.

Montag, 27. Dezember 2010


Gender Pay Gap. Das richtige Broscherl für uns LeichtlohngrupplerInnen.

Samstag, 25. Dezember 2010


liebe Barbara,
zu unserer Erörterung der russischen Großmutter-Mutter-ein Kind Familie: Wohnungsnot, schwere Lebensverhältnisse, Armut. Instabilität der Ehen, Alkoholismus. Kinderreich sind die Muslime der ehemaligen südlichen Randrepubliken, Russland hat demographische Probleme, nicht nur wirtschaftliche und politische, es gibt Szenarien für verstärkte chinesische Einwanderung. Kolleginnen mit russischem Familienhintergrund kommen aus Intellektuellenfamilien, die älteren von ihnen verkörpern den so liebenswerten Typus der schönen Seele.

liebe Barbara,
dazu noch ein Artikel

Gemütlicher Weihnachtsabend bei Freunden, wo wir uns im Heimkino (in das auch die Hunde mitdürfen, und das deswegen öfters von mir frequentiert wird) "Das Konzert" ansahen. Ob der Film auf einer realen Geschichte basiert blieb unklar, der schönste Augenblick (außer dem toll gespielten Tschaikovsky) war das Baby im Cellokasten. Insgesamt alles ein wenig vergröbernd dargestellt, aber so müssen finanziell erfolgreiche Filme halt sein. Zu essen gabs Brot, Käse und einen Salat nach Familienrezept, Kartoffeln, Gurken, Äpfel, aber keine Zwiebeln, mit selbstgerührter Mayonnaise.

So, nun ist gut erkennbar, daß es sich bei meinem Weihnachtsgeschenk um die volkstümliche Version des üppig verzierten Tafelaufsatzes handelt. In der Mitte ein Glas, aber welche Blumen könnten sich gegen soviel Flitter behaupten?
Weil gemeinsames Essen und Feiern und die soziale Kraft der Gabe zu Weihnachten gehören und doch irgendwie noch hinter all der Kommerzialisierung hervorleuchten, bin ich heuer etwas weniger weihnachtswiderwillig gestimmt als sonst.

liebe Aoea,
gefeiert wurde an meinem Arbeitsplatz, aber ich war auch zu einer türkischen Hochzeit eingeladen; es gibt so Hallen an der Peripherie, in denen die 150 bis 800 Gäste solcher Hochzeiten Platz finden und essen und tanzen können.
Viele meine türkischen Klienten haben große Begabung fürs Zeichnen, Basteln, Talent fürs Ornament; sie sind auch vorzügliche Handwerker, die eine Wohnung nicht einfach nur frisch ausmalen, sondern gerne sorgfältig verzieren.Und bei älteren türkischen Frauen vom Land bestaune ich immer wieder ihren Sinn für Farben und Muster. Es gibt eine großartige osmanische Textiltradition. Die traditionelle Kleidung zeigt auch den Status der Frau (Witwe etc) an, so wie in Indien (wo man als ältere Frau auch andere Farben wählt), und die Frauen sehen immer würdevoll aus.

Donnerstag, 23. Dezember 2010



Von der Bereitschaft unsrer Klientele angesteckt feierten wir in der Arbeit den ganzen Tag, es war nicht ihr Fest aber sie feierten es bereitwilligst mit, ja brachten uns eigentlich erst zum Feiern. Es gab chinesisches, afghanisches, marokkanisches, türkisches und und und Essen. Da die Kindergärten schon geschlossen haben, kamen auch Kleinkinder mit der Mama mit. Und dieses unbeschreibliche Ding oben bekam ich als Geschenk. In türkischen Läden gibt es Fernsehleuchten, Blumenvasen und für uns völlig funktionslose Dinge, wie eben dieses Gipskörbchen mit Schaumgummirosen und viel Flitter. Bei älteren Türken ist das Geburtsdatum unbekannt, für sie gilt dann 1. Jänner des Geburtsjahres; bei den jüngeren ist der Tag der Geburt bekannt, wird aber nur bei Kindern gefeiert; für Erwachsene sind Hochzeit (auch die Hochzeitstage) und die Gemeinschaftsfeste wichtiger. In einer Runde von russlanderfahrenen Slawistinnen konnten wir dann die typisch russische Großmutter-Mutter-1 Kind-Familie mit der dominanten Großmutter besprechen und erörtern warum es keine russischen Putzfrauen gibt. Das Wetter ist mild, die Umgebung häßlicher denn je und die Kracher (die seit Mitte Dezember verkauft und abgeschossen werden) sind größer als in den Jahren zuvor. Im Park gegenüber wurden die allerletzten Sträucher gekürzt, so daß die Polizei im Auto durchfahren kann und Dealer sich nicht mehr verstecken können. Für Singvögel gibts nichts mehr, nur noch Tauben finden das für sie Nötige.

Mittwoch, 22. Dezember 2010

Dienstag, 21. Dezember 2010


Die Provision, beliebteste Verdienstform der Möchtegerns. Erheiternd zu lesen "Justiz-Tower, äh 700.000?"

Liebe Maurulam,
mit Arbeit kriegt frau keine Provision,nur mit dem Verkauf/der Vermittlung der Arbeit anderer

Montag, 20. Dezember 2010



Heute in der Straßenbahn, hier in der Vorstadt. Oben war das Ding noch mit Pailletten bestickt. "I bin a soo a Rote" ? fragt B. Aber nein, sag ich, die trägt Trachtenhut zum Nerz.

liebe Aoea,
die Wahrung der Persönlichkeitsrechte verbietet es, gräßliche Hüte SAMT Gesicht zu bloggen; deshalb: nur von hinten zu sehen. Und "I bin a soo a Rote" ist eine konkrete Person, der mein lieber B. so einen gräßlichen Hut zutraut. "I bin a soo a Rote" trägt aber keinen roten Pelztschako, sondern Trachtenhut mit Troddeln zum Nerz, diese Kombination soll eine gewisse Bürgerlichkeit herausstellen, die aber wieder mit dem politischen Bekenntnis "I bin a soo a Rote" apart konfligiert. Wiener Identitäten sind mitunter etwas janusköpfig.

Den Hund schränkt die Situation hier sehr ein, leider. Ich will daß er ein frohes Hundeleben hat!


EC 70!

Sonntag, 19. Dezember 2010





für Barbara:
die Pflanzen mit den Blüten sind neu dazugekauft; bei den beiden Pflanzen vom Vorjahr habe ich, nachdem alle Blüten abgefallen waren, die Stengel coupiert und nach einiger Zeit hat die eine Pflanze ausgetrieben, die Knospen haben sich langsam, langsam entwickelt, so daß man die Differenzierung genau mitverfolgen konnte und die zweite coupierte Pflanze treibt auch aus, allerdings noch langsamer als die erste, wohl weil sie mehr Licht (Nordseite) bräuchte. Die Blütenstengel treiben nach oben aus und die Luftwurzeln (die git Feuchtigkeit aufnehmen) nach unten.

Samstag, 18. Dezember 2010




So viel zu tun, daß man nicht weiß ob morgen der 3.oder der 4. Adventsonntag ist; aber die vier Kerzen sind bereits alle abgebrannt (es gibt aber noch Teelichter, auch solche aus Bienenwachs in Tontöpfchen). Eine türkische Hochzeit mit vielen Gästen (man lädt viele Leute ein, man geht auf viele Hochzeiten, das gibt eine dichte soziale Textur) und das Ashurafest, mit den verschiednen süßen Suppen (siebenererlei Nüße und Getreide sollen darin sein, in Erinnerung an die Arche Noah)
wobei die suppigen Versionen nicht mundeten, wohl aber eine Art safrangelber Milchreis mit Mandeln und Nüssen, alevitisch.Übrigens wurde in Österreich die alevitische Gemeinde als eigene Religionsgemeinschaft anerkannt. Dazwischen weiter Schneefall, Einladungen, Gäste, Punsch und Köstlichkeiten.
Die Pelargonien blühen noch ein bißchen und mühen sich der Sonne entgegegen. Im Laufe der Woche hab ich einmal kurz den Schnee in der Sonne funkeln gesehen, alles andre Funkeln ist manmade.

Mittwoch, 15. Dezember 2010


Das historisch gewachsene elaborierte europäische Rechtssystem kennt den Begriff des Beschützers nur in sozial randständigen Bereichen: Prostituierte brauchen Beschützer und Mafiosi brauchen einen consigliere. Den braven Bürger schützt das historisch gewachsene elaborierte europäische Rechtssystem.
Vorige Woche konnten wir in einem Antiquitätenladen der Innenstadt dieses randständige Rechtsverständnis treffen. Eine blasse, früh gealterte und mit falschen Kaschmirschals aufgepeppte Person kam herein und fragte nach Preisen. Sie strich um die Vitrinen und fragte nur nach den Preisen kleiner Dinge, der typische Antiquitätenkunde kennt die etwa-Preise und beginnt anders. Sie sah den Hund und wollte ihm was zustecken, wir verhinderten das und sie fragte hämisch-gereizt. "der Beschützer, was?" Obwohl man sich zuerst auch etwas schämt für Vorsicht, Mißtrauen und Distanzierungsbereitschaft: es war die typische Ausspäherin die kommt, bevor der Ladendieb selbst kommt.
Aber der consigliere, sagt mein lieber kluger B., kommt auch in Form des Fuchses und hält einem ungezogen die Hand hin, auf Handschlag. Och, sag ich, alle diese Leute die einem die Hand reichen sind halt Vorstädter, nur der Jurist sagt noch dazu: vergessen Sie nicht, wir haben eine Abmachung.

liebe Barbara,
Propolis ist auch sehr zu empfehlen! Hier gibts viel Schnee, es ist sehr kalt und ich bin guter Dinge.
Gepostet wird hier nur noch fallweise, demnächst kommt ein Rezept für einen albanischen Maiskuchen, der ganz schnell zuzubereiten ist.

liebe Barbara,
Propolis gegen Erkältungen!
Das Rezept (leider hab ich mir den albanischen Namen nicht gemerkt) für den Maiskuchen, gegessen hab ich ihn schon, nachbacken kann ich ihn nicht weil hier von Beginn an das Backrohr kaputt (und voller Dreck) war.
Also, man nehme:
1kg Maisgrieß (Polenta)
2 Becher Obers
2 Becher saure Sahne
1 Wasserglas Öl (also das würde ich weglassen!)
1/2 L Milch
3 Eier
1 Päckchen Backpulver
1 Teelöfffel Salz
alles mischen, auf ein Backblech leeren und glattstreichen, 5-10 Minuten backen

Albaner essen dazu gewürztes Joghurt, ich finde es ist aber eine gute Beilage zu Ragouts oder Gulasch oder Ratatouille. Oder (mit saurer Sahne, Honig oder Gelee oder Ahornsirup) zu Tee/Kaffee.

Freitag, 10. Dezember 2010


Winterliche Mißvergnügenspause, vielleicht gehts weiter im Frühling.

Liebe Maurulam,
nein, ich kenne weder Walter Kugler noch Bodo von Plato persönlich; das Interview finde ich gut (und freu mich, daß es auf wichtigen blogs weiterverlinkt und besprochen wird), und das Foto auch!
lieben Gruß!


Nachdem er ein bißchen neu war, chronifiziert sich der Winter zum typischen, abscheulichen Wiener Winter. Vor Weihnachten gibts ja noch Glitzern und Beleuchtung, aber dann: schmuddelig-trister grauer Vorstadtwinter.

Dienstag, 7. Dezember 2010


Schönes Interview mit Walter Kugler und Bodo von Plato bei Michel Gastkemper!

liebe Aoea,
schönes Bild, gell? von hier
alle Bilder aus der Reihe "Vater und Sohn" sind sehenswert!

Wir machen weiter Weihnachtsbesuche. Der Hund kommt mit und liegt dekorativ auf schönen alten Teppichen (obwohl er zuerst immer und überall frohgemut das Sofa ansteuert), wir kosten uns durch verschiedene hausgemachte Keksvarianten und ich merke daß ich überhaupt nicht mehr gewohnt bin, aus einer Tasse mit Untertasse zu trinken, ich lebe ja wie auf dem Campingplatz, kaltes Wasser, eine Gasflamme, da vermeidet man kompliziertes Geschirr. Anisbögen stellen sich als die besten Kekse heraus. Niemand macht mehr das Früchtebrot das bei einer meiner Tanten noch in großen Mengen hergestellt und verschenkt wurde: kandierte Früchte und Nüsse, sehr schwer und saftig in einer dünnen Teighülle. Und Quittengelee gibts auch nur mehr beim Demel (in der Kindheit gab es soviel Quittenmarmelade und Gelee, weil ein Großvater Quittenliebhaber war und viele Quittenbäume gepflanzt hatte). Ich bekomme Bücher, einen Schal wie die Damen auf den Biedermeierbildern und verschenke selber Bücher. Ich bekomme auch zwei Bilder, eines davon ein Kinderbild meines Vaters. Mit Hund! - Heute richtig große Freude als mir eine Frau aus meiner Gruppe, sie hat fünf Kinder und sehr wenig Geld, erzählt, daß sie gerne singt, mit ihren Kindern zusammen, und daß der jüngste Sohn, er ist erst drei, ganz besonders musikalisch ist.

Wir erörtern die soziologischen Binsenweisheiten von der Imitation und was wohl die Imitation der Männermode in der Frauenmode ab Beginn des vorigen Jahrhunderts mit Emanzipation zu tun hat, daß imitierte überfeminine Oberschichtmode nix Gutes für die Emanzipation verheißt, aber tut das die sportliche streetgang-Mode die es bei Kik ab 3,- Euro zu erwerben gibt? Und was sagen uns die Daunenjacken über animal print für die flotte Pensionistin? Stimmen wir mit Christina von Brauns Einschätzung des Kopftuches bei studierenden Frauen über ein? Ja, tun wir. Traumberuf der jungen Türkinnen ist Zahnarzthelferin. Das geht mit Pflichtschule, hat einen miserablen Kollektivvertrag, aber offenbar Teil am weißen-Mantel-Nimbus des Ärztlichen. Immerhin: daneben gehn sich nur mehr 2 Kinder aus, unser PISA-Status wird sich verbessern und vorläufig gehn wir nur zu Zahnärzten die wir auch privat kennen und bei denen keine Straßsteine in Vorderzähne eingesetzt werden.

liebe Barbara,
die Geburtsmetapher ist irgendwie gelöscht worden, ich muß aber sagen daß ich ihr auch nicht zustimme: nichts wurde geboren, jedenfalls nichts Intaktes und Lebensfähiges

Montag, 6. Dezember 2010


Heute mit einer Frau vom Balkan gesprochen die meinte das aufgeheizte Klima hier sei so wie vor dem Kriegsausbruch. Die Lagerbildung, die Feindseeligkeiten, die Hetzer.
Die Wirtschaftskrise schafft den Rest. - Naja, subjektiv, außerdem war sie Anfang der 90er noch ein Kind, wir sind kein desorientiertes postkommunistisches Land, außerdem ist sie traumatisiert durch das Schicksal ihrer Familie. Aber zu denken gibt es schon; sie lebt in einem Wiener Arbeiterbezirk und bekommt das aufgeschaukelte Klima stark mit.

Ich wundere mich wie die girlies mit oder ohne Kopftuch die neuen Schuhe, Täschchen und Jacken finanzieren, aber ich gehe eben von den eigenen Konsumgewohnheiten aus und kannte bislang ihre Geschäfte nicht. Heute mit einer Freundin mal die Einkaufsstraße des Bezirks exploriert, bei Deichmann war ich erst einmal, heute das zweite Mal. Wirklich sehr billige Schuhe in riesiger Auswahl. Bizzarre Dinger in denen man kaum gehen kann, wie sie von den Sternchen im Unterschichtenfernsehen getragen werden. Aber es gibt auch recht normale Schuhe und solche für Herren und Kinder. Das Publikum: Schwarze bei den Sportschuhen, Kinder mit Mutter mit und ohne Kopftuch, Dämchen bei den bizzarren Dingern und teenies bei den Stiefeln. Wir streiften noch Pimkies mit Größe 32 bis 36, ließen das Geschäft in dem eher echte Wiener Sozialhilfebezieher shoppen aus und gingen in ein türkisches Schuhgeschäft, das von den glamourösen girls mit leggings und Kopftuch frequentiert wird. A real revelation! Taschen mit studs und Strass, Krokoimitate, Overknees aus Lederimitat zu 18 Euro, gefakte Chanelpumps mit Schleifchen, wir fanden sogar eigene Schuhe aus den swinging sixties (London, das ganze Taschengeld dafür ausgegeben) wieder und waren stark in Versuchung sie zu kaufen, sie waren natürlich schlecht verarbeitet und daher unbequem, aber wie von Mary Quandt! Es gab jede Menge Stoff-und Abendschuhe,
Abendtaschen, aber keine sportlichen Schuhe. Muslimische Frauen gehen nicht mit dem Hund im Wald spazieren und treiben keinen Sport, sie gehen zu Hochzeiten und Familienfesten und wollen elegant sein und glänzen.
Vorm Haus angekommen sahen wir dann Stadtratten über den Schnee huschen, die gibt es zwar in der ganzen Stadt, aber hier finden sie besonders viele Abfälle.

Sonntag, 5. Dezember 2010


Zwischendurch das alte Thema.

liebe Barbara,
ich verbuche weißen Tee eigentlich unter Japonismus, er schmeckt auf jeden Fall milder

Ein Adventkalender für meine Gruppe, mit der sich leicht über Weihnachten, Maria und Joseph auf dem Weg nach Bethlehem ohne Geld für ein Hotel, die Geburt im Stall, Ochs und Esel die das Baby mit ihrem Atem wärmen, die Hirten und die drei Heiligen Könige, von denen einer ein Schwarzer ist, und die Gold, Weihrauch und Myrrhe bringen, reden läßt. Sie würden auch gern in eine Kirche gehen, aber die Kirchen sind ja versperrt, in die Messe getrauen sie sich nicht, aber im Stephansdom waren sie alle schon einmal einen Sprung und haben sich neugierig umgesehen. Wir reden auch über Feste und die Familie, und darüber daß alle Religionen Anleitungen zum sozialen Verhalten geben. Wenn die kinder es wollen gibt es sogar einen Christbaum in muslimischen Familien, auch der Adventkranz und Kerzen in der dunklen Jahreszeit finden Beifall.
Wofür bist du schon beschimpft worden, zähl mal auf, fragt B. Also, dafür daß ich einen Hund habe, sowieso, dafür daß ich offenbar Inländerin bin, dafür daß ich vielleicht "Tschuschin" bin weil ich im Bus eine ausländische Zeitschrift lese, mit Bekannten in ihrer Sprache spreche und weil ich im Bus einen Döner esse. Mit einem großen (allerdings nicht kunstvoll türkisch gebundenen) Kopftuch bin ich im Bus auch schon als Türkin beschimpft worden. Ich wurde beschimpft als jung (weil man mein Alter nicht gleich erkennt) und als alt, weil ich eben doch kein girlie bin. Dummheit und Aggressivität finden überall einen Aufhänger.

PS: liebe Barbara, weißer Tee ist unfermentiert und schmeckt milder als grüner Tee.

Ich erfülle vorweihnachtliche soziale Verpflichtungen und ebensolche werden an mir erfüllt. Früher fand ich Aussprüche wie "ich tue das nicht weil ich die Leute persönlich mag, sondern ich erfülle meine Christenpflicht" entsetzlich. Aber ganz falsch sind sie doch nicht, denn geschähe Gutes nur nach Sympathie und nach Lust und Laune geschähe weniger davon. So machen der Hund und ich also Besuche und kommen in andere, ausnahmslos schönere, Gegenden. Es ist bitter kalt, grau und bedeckt und der Schnee hat sich bereits in die übliche Misere verwandelt, die Straßenbahnen später kommen, Autos steckenbleiben und allerhand Unfälle passieren läßt. Kurz gehts über einen der vielen Weihnachtsmärkte, einige Angebote sind regional und selbstgemacht, vieles kommt aus Schwellenländern, man hört viele Stimmen aus den Bundesländern und auch viele bundesdeutsche Intonationen. Die Leute, alt und jung, kommen busweise und bewegen sich punsch-und wienseelig durchs Getümmel. Hightime für Taschendiebe.
Bio, veggie, nachhaltig und grün haben sich durchgesetzt, zu dem Schluß kommt man unweigerlich wenn man Habitus, Kaufverhalten und Angebote in den von gebildeten Jugendlichen frequentierten Gegenden sieht. Wieder zurück im Wohnbezirk gibts Musik aus der Volkshochschule, die auch einen Saal für Veranstaltungen vermietet: serbische Volkstanzgruppen tanzen Kolo. Die Burschen mit schwarzen Fellmützen, die Mädchen in bunter Tracht. Kolo ist ein bißchen wie Sirtaki. Am Haus für abschiebegefährdete Asylantenfamilien sind die Infoblätter an der Tür runtergerissen, es gibt starke Schlösser und Riegel an der Türe. Niemand der Leute die ich besuche, war jemals zu Fuß in dieser Gegend unterwegs (hier fährt man mit dem Auto durch und denkt sich "wie häßlich") erst wenn sie uns besuchen, spazieren sie ein bißchen in der Gegend herum und lassen sie auf sich wirken.

Freitag, 3. Dezember 2010



Zufrieden wie ein Eisbär aus den (für mich) überheizten Arbeitsräumen mit der trockenen Luft (alle husten, schniefen, fehlen, nehmen Pflegeurlaub wegen kranker Kinder) wieder in die kalte Wohnung heimgekommen; angenehmer Abend mit Hund, Brahms, weißem Tee, und Himbeerschokolade. Viel Schnee, der tatsächlich die Gegend etwas verwandelt hat. Beim Gassigehen von älteren Gastarbeitern als "blede Schmarotza " beschimpft."Estarreicha und Englända faulste Volk". Beschimpft wird man hier ständig, die Leute bersten geradezu vor Ressentiment. Tatsächlich werden die Schneearbeiten von den migrantischen Neuankömmlingen, von Asylanten mit Arbeitserlaubnis, denen nur die schlechteste Arbeit offensteht, verrichtet. Diese Arbeit ist miserabel bezahlt, die Familie muß über Sozialhilfe ernährt werden, trotz Arbeit; gewohnt wird im schäbigen Altbau, zu stolzen Mieten, die auch öffentlich bezuschußt werden. So verdienen Vermieter und Arbeitgeber - das Überleben ermöglicht der Sozialstaat.

Mittwoch, 1. Dezember 2010


Alle machen Weihnachtsfeiern, sogar die nette Apotheke hier macht einen Adventabend und die fashionable Apotheke in der man alle ausländischen biobrands, Spagyrika und wundervolle Räuchermischungen bekommt, macht gleich mehrere solcher Abende. Apotheken, hab ich schon als Kind beigebracht bekommen, sind ein Ort und Hort der Kultur und Zivilisation, in fremden Ländern kann man immer in einer Apotheke Rat und Auskunft bekommen. All die reizenden Apothekerinnen die in meinen Bruder verliebt waren und mir viele viele Pröbchen schenkten (damit ich ausplaudere mit welcher er ausgegangen ist)und die Apothekersfamilien, die man über lange Jahre kannte! Kochen hat mich nicht interessiert, aber Herbarien anlegen, Salben mischen, die Erzeugung von Parfums aus Blüten und die von Lippenstiften aus Wachsmalkreide und Kakaobutter (damals gabs noch keinen DM und keine für Kinder erschwinglichen Lippenstifte und auch kein Taschengeld) sehr. Dichtes Haar und gesunde Haut verdanke ich der Apotheke und nicht der Parfümerie, ich kaufe Reinsubstanzen und alte bewährte Produkte. Im Ausland gehe ich immer in Apotheken, nicht um Medikamente zu kaufen, sondern um die hausgemachten Tees und Hustenbalsame zu probieren und mehr über die jeweils üblichen Nahrungsergänzungsmittel und traditionelle Hautpflege zu erfahren (in Italien wird den Kindern z. B.viel Lecithin zugefüttert, in Slowenien gibt es viele Propolisprodukte, etc). Ich gehe viel öfter in die Apotheke als zum Arzt, was mein Arzt auch weiß. An Leuten wie mir könnten die Kassen genesen. Außer der Apotheke liebe ich auch Bäder. Auch das habe ich als Kind so kennengelernt: man fuhr ins Bad, trank das Sauerwasser, ging spazieren, badete in warmem Mineralwasser, genas und kehrte erfrischt nach Hause zurück. Heutzutage sind die Kurorte überlaufen, mit großen Reha-Einrichtungen und häßlichen Großthermen, ein erweitertes Spital, schrecklich. Wie schön hingegen Bäder wie Abano Terme oder Salsomaggiore Terme oder meinetwegen auch Baden bei Wien! Viel mehr als eine Heizung fehlt mir die Badewanne, ein heißes Bad hilft doch gegen fast alle Unbill des Lebens.

Sehr kalt, viel Schnee, der wirklich liegenbleibt. Nun hat die vorweihnachtlich geschmückte Stadt das richtige Dekor.Die private Beleuchterei auf Balkonen und Fassaden ist allerdings zurückgegangen, oder habe ich gar nicht danach geschaut?
Abends dann tatsächlich ein Moment, aber nur ein Moment, der Ruhe und der Freude über diesen dicken, dichten Schnee. Wir trinken süßen heißen indischen Tee mit Kardomom und Muskat und Milch. - Es gibt jede Menge Weihnachtsfeiern, aber kein Weihnachtsgeld für Prekäre. - Immer wieder kommt es vor daß die älteren Leute in den Gruppen sich nur diese kleinen Lesebrillen vom Aldi um 2,50 leisten können und eine richtige Brille mit Rezept für sie zu teuer ist. Zum Glück gibt es in meiner Institution auch eine Sozialarbeiterin, die weiß wo finanzielle Unterstützung für eine ordentliche Brille herkommen könnte. Vor zwei Jahren hab ich dann einfach selber bei Freunden für eine Brille gesamelt, weil das Sozialamt dem alten Asylanten keine finanzieren wollte. Ein Weg zur deutschen Sprache sind Bilderbücher; diese Illustrationen in Wasserfarbe, mit Papierrissen, die Tiere, die Pflanzen, das lieben Menschen die aus bilderfrohen Kulturen kommen und die nicht lange in der Schule waren. Wien bietet da sehr viel an, völlig gratis, man muß es den Leuten nur zeigen, aber manchmal brauchen sie eben auch noch eine Brille.

PS: liebe Barbara, ja jetzt hab ich verstanden, und nein, mir ist keine Katze zugelaufen, sondern Syberberg in Preussen