Dienstag, 10. April 2012


Am Dienstag nach Ostern wachen wir zerschlagen auf und kommen nur mit Hilfe von frischer Luft, Kaffee und Kautabletten in deren Namen "hepar" enthalten ist wieder in Gang. Der Hund, der am Vortag fast alle pommes vertilgt hatte, zeigte, wohl dank des bei Aasfressern höhreren Gehaltes an Schwefelsäure im Magensaft, keine Unpäßlichkeit. Nach dem Gassigehen muß ich in den Drogeriemarkt, wenn man ohne Therme wohnt, darf der Nachschub an Feuchttüchlein und Wegwerfwaschlappen nie ausgehen. Vor einem der Läden mit Blusen wie sie ältere türkische Frauen gern unter einer ärmellosen Weste tragen, entdecke ich ein Jäckchen aus pamuk, das ein etwas schlampig genähtes Jil Sander Ding sein könnte, es kostet 4.99 und ich nehme es nur deshalb nicht, weil creme halt leider doch keine praktische Farbe für Hundehalter ist. Ältere türkische Frauen kombinieren ihr outfit farblich oft sehr überlegt, viele von ihnen sind ja gelernte Schneiderinnen, sie sehen gepflegter und eleganter aus als andere alte Frauen, die nicht das stützende Korsett eines altersspezifischen Farb-und Kleidercodes haben, denke ich und werde dabei von einem Mödlinger SUV, der sich in die Gässchen hinterm Meidlinger Markt verfahren hat gerammt und schramme meinerseits ein rundliches Paar mittleren Alters, das sich spitzschnäbelig um einen Kuss bemüht, den ihnen ihre Leibesfülle fast verunmöglicht. Solche nicht mehr jungen und dennoch öffentlich schmusenden Paare sieht man hier öfter. Das muß irgendwie an einer anderen Einstellung zu Sexualität und Intimität hinterm eisernen Vorhang liegen, denn Freunde, die vor vielen, vielen Jahren zur Kur in Karlsbad oder Marienbad gewesen waren, berichteten von rührend unhübschen und keineswegs jugendlichen Paaren, auch solchen die sich offenbar erst durch den Kuraufenthalt gefunden hatten, die man allerorten knutschen und einander bekraxeln sah, das erstaunte die Freunde, und die damals im ganzen Ostblock übliche Mode der schwarzen Lederjacke für Männlein und Weiblein gleichermaßen, ließ die Szenerie wie eine heitere Kolonie rundlicher, schwarzglänzender sich ungeschickt paarender Riesenkäfer erscheinen, Kafka einmal als Idylle.

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